Cerro San Lorenzo: Anschauen, anfassen, wiederkehren – Teil 2

einsam im Lager 2
einsam im Lager 2
Am frühen Morgen ging es unter wolkenlosem Himmel bergauf. Erst am Fluss entlang, dann steile Riesenmoränen empor. Einen durchgehenden Pfad fanden wir nur zu Beginn, später wiesen seltene Steinmännchen, Fähnchen, Gelände und im Schnee die kaum noch sichtbare Spur den Weg.
Bei bestem, oben etwas windigem Wetter  den ersten Pass ( Paso de Comedor) überschritten, kamen wir in eine beeindruckende Gletscher- und Felslandschaft. Laut Beschreibungen ist der Aufstieg auf den San Lorenzo eine der schönsten Hochtouren Patagoniens – und das bedeutet wirklich viel! Die Spur verschwand (die beiden zelteten tiefer und liefen am Morgen über den gefrorenen Schnee hoch), wir suchten unseren eigenen Weg zum nächsten  Pass (Brecha de la Cornisa), wo normalerweise das erste Hochlager aufgebaut wird.
Bevor die Zelte aufgestellt wurden,  wollten wir allerdings den weiteren Weg erkunden. 50hm zum Pass, dann über die ziemlich breite Randkluft, kurz kraxeln….und wir kamen nicht weiter. Auf der anderen Seite der Felsen bildete der Gletscher eine 30-50m tiefe Kluft, in die wir zwar über die Felsen absteigen, aber nicht ohne Weiteres aufs Eis hinaufklettern konnten (über 60°steil). Da weitere Versuche einen Durchgang zu finden wesentlich heikler waren und damit scheiterten, ging ich am Abend doch im Eis rauf (und runter) – nicht optimal, aber ging.
Der Morgen begann mit dem schlechten Wetter, das wir abwarteten. Als es etwas besser wurde, starteten wir die Aktion und kamen tatsächlich auf den nächsten Gletscher, wo wir die beiden Profis trafen. „Oh, Menschen am Berg!“ – war die Reaktion. Trotz starkem Wind erklärzen sie uns die weitere Route und die Schlüsselstellen (u.a. 8m senkrechtes Eis über einer Spalte) und stiegen weiter ab. Jetzt waren wir hier alleine.
In der schon weichen Spur ging es mehrere hundert Höhenmeter runter und dann wieder hoch. Die Szenerie war phantastisch und  wir dachten jedes Mal, dass es nicht noch besser sein kann, do es kam immer besser. Dann zogen die Wolken ein und die ersten Zweifel machten sich breit (was machen wir, wenn die Sicht schlecht wird und die Spur verschneit/verweht – finden wir überhaupt aus diesem Spaltenlabyrint hinaus?) Das Wetter sollte instabil bleiben, auch nicht soo beruhigend…
Zum Lager 2 aufgestiegen, wussten wir sofort, dass wir hier richtig sind. Von allen Seiten von Gletschern und Eisfällen umgeben, bot von der anderen Seilschaft bereits vorbereitete Zeltplatz ein unbeschreibliches Panorama. Die mittelhohe Bewölkung verbarg zwar die Gipfelspitzen, ließ das blau schimmernde Eis aber umso deutlicher hervortreten.
Noch lange bestaunen wir die Umgebung, ohne sich jedoch weit vom Zelt zu entfernen (Spalten). Dann begann es zu schneien und wir machten es uns gemütlich im Zelt.
Es wurde beschlossen, aufgrund des Wetters und der Schwierigkeit des zu querenden Eisbruchs den Gipfel nicht einmal zu versuchen. Die Nacht war stürmisch und ließ keine Zweifel mehr.
Am frühen Morgen trat aus dem Zelt – und sah blauen Himmel und trittfesten Schnee!!! Ideale Verhältnisse, phantastisches Wetter, aber schon nach 6 Uhr – zu spät für den Gipfel(versuch)! Wie man sich dabei fuehlt, brauche ich nicht zu beschreiben….
Wir stiegen also ab. Ohne Probleme, bei herrlichen Ausblicken zum Cordon Cochrane und anderen beeindruckenden Fels- und Eisgipfeln. Patagonische Berge zeigten sich in ihrer ganzen Schoenheit, unvergesslich und unbeschreiblich. Wieder gut die steile Passage gemeistert, stiegen wir zum im ersten Lager gelassenen Zelt ab, bauten es ab und gingen weiter runter. Ueber instabiles Geroell wieder zum  Paso de Comedor aufgestiegen,  liessen wir den spannenden Teil hinter uns und mussten nur noch ziemlich viele Hoehenmeter runter spulen.
Im Refugio trafen wir auf die anderen drei und verbrachten einen angenehmen Abend zusammen. Und waehrend ihre Sachen am naechsten Morgen per Pferd ins Tal fuhren, genossen wir noch den Vormittag an diesem schoenen, tatsaechlich etwas mystischem Ort. Der Gipfel des San Lorenzo zeigte sich kaum aus den Wolken, die Szenerie insgesamt ist aber wunderschoen und man meint tatsaechlich gleich um die Ecke den Padre de Agostini zu treffen, der den Berg Jahre (Jahrzehnte?) lang hier belagert hatte, bis ihm in einem Alter von ueber 60 Jahren die Erstbesteigung gelang (1948, wenn ich mich nicht irre).
Weiter ging es auf die Ruta de los Pioneros. Und auch wenn wir uns darauf gefreut haben, wird mir unser Ausflueg im San Lorenzo-Massiv immer in Erinnerung bleiben. Wir sehen uns ganz sicher wieder!!!!

 

Anna, wo sind die Fotos???

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Seilbrücke. Foto: Frank

Guten Morgen zusammen und viele liebe Gruesse aus El Chalten – der „Welthauptstadt des Trekkings!“

Es fragen sich bestimmt einige, wo die versprochenen  Fotos bleiben und ob ich wirklich irgendwo unterwegs bin. Deswegen eine kurze Erklaerung:

Vor etwa 3 Wochen ging meine neue, bereits heiss geliebte Kamera kaputt. Da Olympus in Suedamerika unbekannt ist und ich mich in einem 600-Einwohner Dorf befand, gab es keine Chancen, sie zu reparieren oder Ersatz zu bestellen. Mit sehr sehr viel Glueck und Plata („Silber“) bekam ich eine aeltere Canon DSLR, mit der ich jedoch erstmal keine Moeglichkeit habe, die dateien aufs Handy oder PC (diese gibt es hier eh nicht) zu laden. Also verweilen die etwa 60GB zuerst auf der Speicherkarte… Sorry!

Auf dem Eis

Fitz Roy Umrundung, Ice Cap Trek oder Vuelta del Hielo wird die am häufigsten begangene Route auf dem südlichen patagonischen Eisfeld genannt. Aus verschiedenen Quellen wussten wir, dass die Tour spektakulär ist, aber auch, dass man sie (und vor allem das lokale Wetter) nicht unterschätzen sollte. Deswegen warteten wir ein paar Tage ab, bevor es zu dritt (ein Kletterer vom Campingplatz schloss sich an) mit Essen für 6 Wander- und zwei Reservetage zum Rio Electrico ging.

„Dort ist der Pass“ – der Taxifahrer, der uns 17km Schotterweg-Wandern sparte, zeigte in die graue Masse, die sich vom ansonsten tiefblauen Himmel abhebte. Eine der mächtigsten Schlechtwetterküchen der Welt lief im vollem Gang, sodass wir, aus dem sonnenüberfluteten Tal kommend, innehielten. Und ob man es glaubt oder nicht: Bei ansonsten bester Wettervorhersage und -lage wanderten wir schon bald im peitschenden Regen und gegen einen steifen Wind.

Es war ein Fehlstart. Am nächsten Morgen bauten wir bei sich weiter verschlechterndem Wetter Zelte auf La Playita auf – einem vermeintlich windgeschütztem Biwakplatz noch im Tal (500m ü. M.). Die Nacht verbrachten wir, das Gestänge bei Windböen unterstützend… Die Zelte haben es knapp – verbogenes Gestänge, gerissene Ösen etc. – überlebt, wir stiegen durchnässt wieder zum im Wald gelegenen Zeltplatz ab. Unterwegs spielte der Wind mit den Persönchen und ihren Rucksäckchen wie mit Papierfliegern und beschleunigte uns vom Stein zum Stein.
Die Betreiber des Zeltplätzes meinten zur Begrüßung „Geschlafen haben Sie wahrscheinlich nicht“ (sie hatten Recht) und schenkten Tee ein. Wir verbrachten mehrere Stunden am halbwegs warmen Ofen in der Gaststube.
Am Abend kamen zwei bekannte Schweizer hoch und brachten den aktuellen Wetterbericht. Es sollte besser werden, jedoch nur für zwei Tage – danach sollte es in El Chalten über 70km/h Wind geben! Was dann auf dem Eisfeld abgeht, will ich mir nicht einmal vorstellen. Wir hatten etwa 4-4,5 Etappen, die bei Wind gefährlich sind, eine weitere Chance aufs Eis zu kommen gab es aber nicht. Nach kurzem Überlegen wurde die Entscheidung getroffen: Früher Start, die kompletten Lichttage nutzen und nach zwei Tagen wieder im Tal sein oder, wenn das Programm nicht zu erfüllen ist, direkt am ersten Abend umdrehen. Wir haben uns vom (Not)Abstieg heute früh bereits erholt und wollten es wieder versuchen.

Der Aufstieg zum Marconi-Pass (400m->1500m) war das spektakulärste, was ich bisher gesehen habe. Riesige Gletscher und Eisfälle, Moränen und Seen, Gletscherflüsse und immer wieder Blick zu den schwierigsten Klettergipfeln der Welt. Einen Pfad gibt es nur im unteren Bereich, ab und an mit Steinmännchen markiert. Ab dem ersten Gletscher ist man auf sich selbst gestellt.
Über leichte Felsen (I°) stiegen wir ohne Probleme an der Seraczone vorbei, wo zwei Franzosen gerade einen Weg suchten und es nicht leicht (und vor allem nicht sicher) hatten. Sie wussten nicht, dass es oben einfacher wäre – später werden auch wir das selbe Problem haben. Da es über die Route wenig Informationen gibt, ist es oft nicht einfach, den optimalen oder zumindest akzeptablen Weg zu finden.
Weiter zum Pass ging es über flache Gletscheflächen, zunehmend schneebedeckt. Irgendwann standen wir auf dem Inlandeis und überblickten die komplette Ebene, umsäumt von den wilden, vergletscherten Gipfeln – unbeschreiblich.
Ohne Steigeisen, aber am Seil ging es zügig gen Süden. In der Abenddämmerung, nach ca. 13h seit dem Start waren wir gegenüber des Circo de los Altares, der mit u.a. Fitz Roy und Cerro Torre eine einmalige Kulisse bot. Hier, mitten auf dem Eis, erlebten wir einen phantastischen Sonnenuntergang und gruben die Zelte (mehrere Stunden lang) so ein, dass sie auch eine stürmische Nacht überstehen sollten. Kurz nach Mitternacht war es dann geschafft und der Wecker für noch einen langen Tag gestellt.
„Glücklich ist, wer hier einen Sonnenuntergang erleben darf“ schrieb Ralf Ganzhorn, der Autor des (sehr anspruchsvollen) Rother Wanderführers für Patagonien. Und das, was wir gerade hatten, war ein SonnenAUFgang – und zwar wieder einmalig schön! Nach einer luxuriösen Fotosession ging es unter ziemlichen Zeitdruck weiter, die Schneedecke wurde jedoch immer dünner und die „Spaltensuche“ immer erfolgreicher. Irgendwann war der Gletscher offen, was einerseits sicherer, andererseits aber noch schlechter für die Fortbewegung war – 5h Spaltenhüpfen mit Gepäck sind anstrengend… Die Aussicht und der wolkenlose Himmel ganz ohne Wind waren es aber natürlich wert.
Nach kurzem Verlaufen – ohne die gerade angekommene kanadische Frauenseilschaft inkl. einer Bergführerin hätten wir lange gesucht – ging es über die Moränen wieder aufs Eis. Mit den Mädels ( ausser ihnen und uns gab es heute keinen auf dem Eis) kreuzten sich unsere Wege aber nur kurz, weil sie ein anderes Tal mit einem Refugio anstrebten ( ihr Zelt hatte ihnen der Wind wenige Tage davor zerlegt).
Gegen 20 Uhr standen wir nach etlichen Kilometern auf Eis und Geröll auf dem Pass des Windes (Paso del Viento). Ich sah schon Videos, in denen Menschen dort auf allen Vieren hoch krochen (Wind) – wir genossen in aller Ruhe den letzten Blick übers Eis und machten uns auf den Weg in „diese“, bewohnte, bereits im Abendschatten liegende Welt.
Der Ab- bzw. Ausstieg ist aber auch lang. Zum Glück kannte Danny, unser dritter Kollege, hier bereits den Weg und navigierte uns in der Abenddämmerung über einen weiteren Gletscher und später eine Schlucht. An einigen Stellen ist der Weg gut erkennbar und ausgebaut, an anderen wäre ich nie auf die Idee gekommen, dort lang zu „gehen“. Kurz vor der Seilbrücke über die Schlucht und etwa eine Stunde vor dem rettenden Wald (Windschutz) bauten wir schon im Dunkeln das Lager auf in der Hoffnung, dass das Schlechtwetter wie erwartet erst am nächsten Tag mittags ankommt.

La Tyrolesa – die Seilbrücke – war wie vermutet lustig und wir kamen mit einigen Sicherheitsvorkehrungen gut rüber. Der weitere Weg, teilweise in der Sonne, teilweise im Regen, war einfacher und zog sich ziemlich in die Länge. Die fast 500hm Gegenaufstieg zwischendurch kostete Kraft und machte deutlich, wie müde wir von den Doppeletappen waren – aber was jetzt auch kommen mochte, wir waren durch! Wir haben das Eis gesehen bei bestem Wetter der Saison (laut einem Guide), sind gut runtergekommen und hatten nur noch ein paar Stunden bis nach El Chalten mit windgeschütztem Zeltplatz und warmen Duschen!!!
Der nächste, heutige, Tag ist der Erholung gewidmet. Der starke Wind kam erst in der gestrigen Nacht, kann uns hier aber nichts antun. Noch recht fertig, werden die Akkus aufgeladen und nächste Pläne geschmiedet – nach ein-zwei kleinen Ausflügen hier geht es in den NP Torres del Paine, wo wir etwa eine Woche lang bleiben werden. Auf gut markierten Wegen, versteht sich 🙂

La Ruta de los Pioneros

Nach fünf Tagen im Hochgebirge (Beschreibung kommt auch – war zu erlebnisreich!) stiegen wir zurück zum Fundo San Lorenzo, einer Art Farm am Fuss des Berges, ab. Señora Lucy wartete schon mit aufgeheiztem Waschhaus( vor uns kamen die anderen drei vom Berg an) – den Luxus einer gefliesten (!), sauberen und warmen (!!!) Dusche kann man hier, vor dem majestätischen San Lorenzo-Massiv kaum überschätzen! Wir zelteten auf dem Gelände (offizieller Zeltplatz) und warteten auf den Wagen, der am nächsten Tag kommen, die Brasilianer mit ihrem Equipment ausfahren und uns 30km lang mitnehmen konnte.
Obwohl wundervoll gelegen und ein exzellenter Stützpunkt für viele Aktivitäten, sind Fundo San Lorenzo und die Familie Soto kaum bekannt. Wir sind darum gebeten worden, über unsere Zeit dort weiter zu erzählen, was ich sehr gern tue. Die Gastfreundschaft der Familie, Kompetenz in Outdoorfragen, Authentizität sowie die Schönheit des Ortes sind auf jeden Fall einen (oder mehreren) Besuch wert!

Nach einer 1,5h Fahrt auf der Ladefläche des Pickups wurden wir an der Abzweigung Cochrane-Lago Brown rausgelassen und standen zuerst etwas verloren vor unseren schweren Rucksäcken: Alles, was wir für die vier Monate dabei hatten war drin, inklusive Seil und andere Hochtourenausrüstung, Stadtbekleidung und -schuhen, Strandsachen usw. usf., plus natürlich Essen für etwa 10 Tage. Tja, dann mal los…

Von der Ruta de los Pioneros hatten wir eine Beschreibung aus dem Jahr 2009 – mehr davon gibt es nicht. Ein Track, auf einen DinA4-Ausdruck aus Google Earth aufgemalt, sollte grob die Täler zeigen. Einige GPS-Waypoints auf einer einfachen (keine Flüsse/Seen) Handykarte gab es auch – das war es. Ja, richtig, keine Papierkarte – die gibt es einfach nicht.

Über im Vergleich zur Beschreibung von vor 6 Jahren deutlich weiter gebaute Schotterstrasse ging es los. Nach ca. vier frustrierenden und anstrengenden Stunden war der Schotterweg endlich hinter uns und es ging auf einem noch breiten, aber offensichtlich lange nicht mehr begangenen Pfad weiter. Wir haben es geschafft, wir sind auf der Ruta!

Das Lager am Fluss, den wir als ersten queren sollten, war idyllisch und das Waten unproblematisch. Wie oft wir am nächsten Tag jedoch die Schuhe ausziehen mussten, um durch den meandernden Fluss zu kommen, kann man gar nicht zählen. Der Pfad verwandelte sich in eine matschige, frisch „markierte“ Kuhspur und irgendwann standen wir auf der ersten Weidefläche der Tour: Sumpf, Gestrüpp, tausend Spuren, aber keine richtige. Hier begann das, was wir später noch oft machen werden: Rucksäck ablegen und den ganzen Hang/ das ganze Tal nach einem begehbaren Pfad absuchen. Am zweiten Tag verbrachten wir damit ungelogen 4 Stunden und fanden die weitere Ruta komplett zugewachsen und unter Wasser stehend. 300m weiter wurde es etwas besser…
Im Wald, den wir jetzt wieder betraten, gab es keinen Weg. Nur manchmal deuteten Pferdeäpfel oder abgebrochene Äste darauf, dass wir dort nicht die ersten waren. Auch diese Zeichen werden uns noch häufig helfen.

Nach einigem an Auf und Ab (sowohl gehend als auch mit der Motivation) kamen wir am 3. Tag zur ersten Schlüsselstelle – dem 30-40m tief eingeschnittenen Flussabschnitt, der überquert werden musste. Oben liegen uralte Schaufel und Pickel, um die Passage (für die Pferde!) evtl. zu erleichtern – Menschenzeichen mitten im nirgendwo! Wir nutzten das sowieso mitgeführte Seil, indem die eine Person abgelassen wurde und die andere zu Fuß abstieg. Über den Fluss, der schnell und kaum einschätzbar, aber im Endeffekt nur etwas übers Knie tief war, ging es andersherum – nun wollte ich gesichert werden.
Es waren noch viele Flüsse (bis zu den Hüften tief), zwei Pässe, jede Menge Baumstämme zum drüber klettern und drunter kriechen, Gestrüpp zum Durchkämpfen und Matsch zum „Durchwaten“. Eines Tages querten wir den Rio Alegre auf vom Menschen gelegten, aber extrem wackligen Baumstämmen und gelangten so zum Haus des Señor Heraldo Real, der seit 14 Jahren dort allein in der Wildnis lebt. Kurt danach ritt der Hausherr ein: Von den Jahren (ca. 70) und seinem besonderen Leben gezeichneter Mann in ehemals hellen, nun aber fast schwarzen Kleidern. Er lud uns direkt ins Haus ein und bereitete mit geübten Bewegungen die für die Gegend typische frittierte Brötchen zu.
Da auf diesen Böden nicht einmal Kartoffeln wachsen, stellen Brot und Fleisch einen sehr großen Teil der Ernährung dar.
Bei Gesprächen verging die Zeit schnell. Don Heraldo zeigte uns Artikel über ihn in Patagonia- Magazin und erzählte über die Gegend und sein Leben, wir staunten immer wieder und stellten viele Fragen.
Als es auf den Abend zu ging, erkundeten wir uns nach dem weiteren Weg – bis zum Ausstieg sollten es noch 2-3 Tage sein. Don Heraldo meinte, wir könnten auch durch ein anderes Tal aussteigen, das kürzer ist und direkt hinter dem Haus beginnt. Er selbst reitet die Strecke drei Mal im Jahr in nur einem Tag. Wir nahmen die Idee an, ließen alles an Lebensmitteln, was wir entbehren konnten, im Haus und liefen noch abends los.
Aber wir haben es bereut. Zuerst haben wir den Pfad noch gefunden. Nach einem kurzen Abschnitt, der bestens zu sehen war, ging dieser in eine Kuhspur über – und dann löste sich auch diese auf. Querfeldein durch dichten Wald, Hänge und Gestrüpp suchten wir nach etwas Passierbaren – und fanden irgendwann auf der nächsten Hügelkette eine Spur. Diese ging in die richtige Richtung und war halbwegs gut zu verfolgen, jedoch komplett zugewachsen mit über menschenhohem Dornenbusch und zusätzlich sehr sümpfig.
Meter für Meter ging es dadurch, wir fluchten und wussten immer wieder nicht weiter, besonders als in den Feuchtgeboeten sogar dieser Leitfaden verschwand und wir erneut alles absuchen mussten. Nach 2,5 Tagen (geplant nur einer) und einer abschließenden Partie querfeldein betraten wir endlich die Carretera Austral – selbst die unbeliebten Haferflocken waren gerade aufgebraucht. Und wie ich schon schrieb, dauerte es mit der Ankunft in Villa O’Higgins noch – Die Carretera Austral ist zwar ein eindeutiges Zivilisationsbeweis, verläuft aber genauso wie unser Weg durch die Wildnis…
La Ruta de los Pioneros ist ein besonderer Wanderweg. Touristen kommen dort nicht jedes Jahr vorbei – und wenn, dann hauptsächlich per Pferd und mit Guide. Je nach Verhältnissen (bei uns waren sie ideal!) sind die Flüssquerungen nicht ohne und der Weg nicht zu finden. Aber besonders der höher gelegene Abschnitt ist es wert, durchwandert zu werden.
Später haben wir erfahren, dass es Pläne gibt, den Weg, insbesondere unsere Variante durch das Tal des Rio Bravo, besser passierbar zu machen. Ob es tatsächlich geschehen wird, kann ich nicht wissen, in dem Zustand wie jetzt ist er aber nicht unbedingt zu empfehlen.

Eine genaue Beschreibung mit Fotos wird nach der Rückkehr im Mai zusammengestellt.

Cerro San Lorenzo: Anschauen, Anfassen, Wiederkehren – Teil 1

Cerro San Lorenzo

Wir konnten es einfach nicht anders. Dieser Berg, im Rother Wanderuehrer beschrieben, versprach etwas ganz Besonderes zu sein und obwohl wir vom Gipfel nicht einmal zu traeumen wagten, nahmen wir eines Morgens den Bus zum Fundo San Lorenzo – dem Haus der Familie Soto in einer einmalig schoenen, von der Zivilisation unberuehrten Lage. Genauer gesagt, wurden wir vom Soto-Junior von der letzten (Mini-)Bus Station abgeholt und mit einem 4×4 in Schrittgeschwindigkeit (Strassenqualitaet!) eine gute Stunde weiter gefahren.

Im Fundo San Lorenzo kamen wir zur Mittagszeit an – und wurden direkt zu Tisch gebeten. Es gab einen grossen Topf mit Eingeweiden – etwas ungewohnt fuer uns und die zwei jungen Nordamerikaner, die gerade auf dem Hof aushalfen, aber bei naeherer „Betrachtung“  koestlich. Nach dem Essen machten wir uns auf den Weg zum Berg – erstmal nur zum etwa 2,5h entferntem Rifugio (eher eine gut gepflegte Biwakschachtel).

Im Refugio Toni Rohrer – dieser Schweizer Profialpinist schlaeft knapp unterhalb des Gipfels fuer immer – lernten wir die Frau eines Brasilianischen Profi-Bergsteigers kennen – waehrend der Mann mit seinem peruanischen Partner den Gipfel anstrebten, wartete sie hier im Schutze des Waldes. Ja, des Waldes – das Refugio liegt gerade mal auf 950m, an der Waldgrenze. Der Berg selbst ist ueber 3700m hoch.

Hier Menschen zu treffen ist generell eine Seltenheit. Rund ein Dutzend versucht pro Jahr die Besteigung. Deswegen freuten wir uns sehr, dass evtl. eine Spur vorhanden sein wird und beeilten uns nach oben.

Zum Teil 2

BILDER

Lebenszeichen

Es ist kurz nach Mitternacht, auf dem Zeltplatz in 500 Einwohner großem Villa O‘ Higgins ist es aber noch laut und die neben mir liegende Packung Kekse lässt auch nicht locker. Dass wir heute Morgen noch hungrig auf der Carretera Austral standen und uns nach 22h Versuchen zu trampen auf einen 50km langen, essensfreien Marsch über Schotter und Hügel einstellten, ist nun fast vergessen…

Vor genau drei Wochen kam ich nach Patagonien. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, einen Überblick geben – es hat sich so viel geändert! – doch leider reicht die Verbindung dafür nicht aus. Auch funktioniert das Hochladen der Fotos nicht, sobald ich besseres Internet habe, versuche ich es aber noch einmal. Deswegen kehre ich zu den letzten Tagen zurück, die ereignisreich genug waren, jeden einzelnen zu beschreiben. Nach der Rückkehr werden außerdem die genauen Beschreibungen der Touren erstellt, jetzt beschränke ich mich auf die Impressionen.

Also, es ist gestern, der 02.02. und ich setze mich sehr erleichtert mitten auf die einzige Strasse hier (und auf hunderte von Kilometern!) – die schottrige Carretera Austral. Schon die ganze Zeit, in der wir sie erahnen konnten, fuhr kein einziges Auto entlang. Wir wissen, dass weiter nördlich eine Fährfahrt nötig ist und vermuten, dass je nach Fahrzeiten dieser mehrere Autos gleichzeitig vorbei kommen werden. Der Bus fährt nach verschiedenen Angaben 2-4 Mal pro Woche und ist immer voll.

Es rauschen drei Wagen vorbei, alle voll beladen. Am Abend – inzwischen wissen wir, dass die Fähre drei Mal täglich fährt – sind es noch ein paar. Wir schlafen direkt auf der Straße aus und tauschen für die Nacht in ein sehr einfaches, aber halbwegs sauberes Refugio, das sich zufällig am Straßenrand befindet und das wir mit einer Radfahrerin aus Arizona teilen.  Dank einem weiteren Radfahrer gibt es Nudeln zum Abendessen; wie ich es geschafft habe, hier ohne Essen anzukommen, kommt bald auch ..

Heute früh nahmen wir unseren Posten an der Straße wieder ein. Als nach der ersten vermuteten Fähre gar kein Wagen vorbei kam, schulterten wir jedoch die Rucksäcke und liefen los in Richtung Süden.

Nicht einmal nach zwei Kilometern ( schon wieder auf den letzten Drucker!) sahen wir einige Kühe auf der Straße – und einen Menschen! Einen Menschen hier!!!! Und noch unglaublicher: Nach dem Mittagessen, zu dem wir direkt eingeladen wurden, sollte ein kleiner Lastwagen in unsere Richtung starten, der uns mitnehmen könnte!

Erneut wurden wir also von einem Einheimischen direkt nach dem Kennenlernen zu Tisch gebeten. Es gab Schafsfleisch mit (etwas) Brot, frisch im Ofen zubereitet. Und natürlich etliche Runden Matė und Gespräche ohne Ende.

Fragen, die von beiden Seiten gestellt werden, sind oft die gleichen: Wir wollen über das (Gaucho-)Leben und die Region mehr erfahren und werden selbst über unsere Reise und Herkunft befragt. Diesmal konnten wir außerdem einige Infos über den zurück gelegten Weg und die gesehenen Tiere (Kühe, Pferde) geben.

Ein paar Stunden später fuhr der mit kleinen Holzbündeln beladener Minilastwagen  ab – mit uns auf der Ladefläche. Während der gut eine Stunde dauernder Fahrt (ca. 45km, den Rest mussten wir gehen) sahen wir seitlich vom aufgewirbeltem Staub noch einmal diese wilde, unberührte Landschaft: Vergletscherte Gipfel, dichte Wälder, Wasserfälle, unendlich weite Sumpfflächen, blaue Seen und Flüsse. Man kann es gar nicht in Worte fassen, man fühlt sich einfach winzig, man muss es einfach selber sehen…

In Villa O’Higgins angekommen, fanden wir schnell einen von Radfahrern aus der ganzen Welt belegten Zeltplatz. Für viele von ihnen ist dieses Dorf mit dem Ende der Carretera Austral das Ziel ihrer langen, beschwerlichen und abenteuerlichen Reise, einige andere nehmen wie wir die Fähre nach Argentinien. Dann gaben wir die Sachen zum Waschen auf (auch nichts Besonderes hier) und genossen excellente, nach besten europäischen Standards gebaute warme Duschen – welch ein Luxus!!! Dann wurden natürlich die Lebensmittelläden leer gefegt und nach dem Internet erkundet: WiFi gibt es auf dem Zentralplatz für alle offen, aber nicht tagsüber, weil es dann für die Antenne (o. ä.) zu heiß ist (+25°C)… Apropos Verbindung: Den Straßenanschluss bekam die Ortschaft erst im Jahre 1999!!! Dank Tourismus hat sich in 15 Jahren aber bereits viel geändert und die Siedlung zu einem kleinen, hübschen und komfortablen Touristenort gewachsen. Nicht zuletzt ist hier ein Ausgangspunkt für die Excurcionen auf das südliche patagonische Eisfeld.

Wir lassen dieses aber erstmal rechts liegen und starten übermorgen in Richtung El Chalten in Argentinien (die Fähre für morgen war ausgebucht). Je nach Fahr- und Gehstrecken zwischendurch (eine durchgehende Fahrstrecke gibt es nicht, mindestens 22km muss man laufen, je nach Wunsch mehr) werden wir 2-3 Tage dafür brauchen. Für morgen ist deswegen ersmal nicht viel geplant – wieder Essen, etwas in der Umgebung spazieren und auf dem umgerechnet 5€ teuren Zeltplatz im Schatten liegen…. bis dann!