Ein letztes Mal…

….melde ich mich aus Chile, genauer gesagt der Hauptstadt Santiago. Schon wieder sind wir im unseren „Stamm-Hostel“ quasi in der Stadtmitte, geduscht und sich auf die weichen Betten freuend.

Ueber die letzten Tage gibt es einiges zu erzaehlen: Wie wir spontan in die Region Los Ríos gefahren, im Regen das Mapuche-Indianer-Land angeschaut und nach in Wolken versteckten Vulkanen gesucht haben, aber auch ueber den letzten Bergausflueg der Reise, der endlich mit einem Gipfelbesuch gekroent wurde. Jetzt ist aber schon Herbst in den Bergen und entsprechend kalt (KALT), deswegen freuen wir uns, wieder im trockenen und warmen, wenn auch Smog bedeckten Santiago anzukommen.

Es bleibt nicht mehr viel auf dem Plan: Ein paar Tage Sightseeing in Valparaiso und vielleicht noch ein paar Stunden in Santiago, bevor es in den Flieger und zurueck nach Deutschland geht. Natuerlich moechte ich viel viel mehr dazu erzaehlen, verschiebe es aber auf die bequeme Couch und eigenen Laptop  mit Fotos bei meinen Eltern und sage jetzt schon: Bis bald in Deutschland! Es ist nicht zu glauben, aber meine Zeit in Chile ist praktisch vorbei….  bis bald!!!!!!

Katastrophengebiet

„Am 11.04. in Copiapó“, hiess die Vereinbarung. Dann wollten Frank und ich uns wieder treffen und den Chiles Hoechsten, den Ojos del Salado, versuchen. Und obwohl wir von den Regenfaellen, Ueberschwaemmungen etc. beide hoerten, wollte keiner von uns den Plan schon wieder durcheinander werfen und einen anderen Treffpunkt vorschlagen – vielleicht geht es jetzt, 2,5 Wochen nach dem Ereignis, schon alles? Also fuhren wir beide jeweils ueber 12h einer nach Sueden, anderer nach Norden und sahen es uns an…

Ungewoehnliche zwei Stunden Verspaetung hatte mein Bus und wir kamen erst tief im Dunkeln an. Der erste Eindruck – es ist immer noch jede Menge Schlamm auf den Strassen, in meinen Turnschuhen kam ich trockenen Fusses gerade mal zum Ausgang des Busterminals. Mit  boesen Vorahnungen fragte ich den erstbesten Empanadas-Verkaeufer nach einem Hostel – und wehrte mich nicht, als er mich fast bei Hand nahm und in ein der naechsten Haeuser mit Aufschrift „Alojamiento“ – „Unterkunft“ – fuehrte.

Ich zahlte den etwas erhoehten Preis ohne weiter zu fragen und wollte gerade rausgehen und nach einem Telefon suchen, als die Eigentuemerin mich auf den Boden der Tatsachen holte: Erstens ist die Verbindung schlecht und die Telefoncentren wahrscheinlich eh geschlossen. Zweitens sollte ich auf die demnaechst beginnende naechtliche Ausgangssperre achten. Und sie sagte auch das Wort, das mir bis dahin nicht viel bedeutete: Katastrophengiebiet.

Ab 7 Uhr morgens durfte man wieder auf die Strasse. Obwohl mir nicht bekannt war,mit welcher Busgesellschaft Frank anreist, traf ich auf Anhieb den richtigen der vier vorhandenen Busbahnhoefe und wir sahen uns – ohne Internet- und Telefonverbindung nicht selbstverstaendlich. Und dann ging es in die Stadt…

Man kann vieles ohne Bilder beschreiben, aber nicht das, was wir sahen. Ueber zwei Wochen vergingen seit dem durch starke Regenfaelle ausgeloesten Murgang, trotzdem stehen die Strassen immer noch voller Schlamm, stellenweise ueber einen Meter tief. Der zarte Rio Copiapó, jetzt eher ein Bach, schlaengelt sich unschuldig durch die frischen Sedimente und scheint mit durchbrochenen Steinmauern mehrere Meter weiter oben nichts zu tun zu haben. Ueberall wird geschrubbt, gebaggert, geschaufelt; von Uniformierten bis zu den Kleiderfetzen tragenden, von Kindern bis zu den Greisen.

Das Problem des Schlamms ist jedoch nicht nur aesthetisch oder in den (relativ geringen) direkten Schaeden. Oberhalb von Copiapó (und anderen betroffenen Staedten) befinden sich unzaehlige Bergwerke, deren toxische Abfaelle mit dem Wasser runter gespuelt worden sind. Zwar hiess es in den Nachrichten, dass aktuell keine hohen Konzentrationen an Schwermetallen im Schlamm selbst oder der Luft zu messen sind, jedoch wird erwartet, dass die Werte mit dem Austrocknen und Pulverisieren des Schlamms noch steigen. Arsen, Quecksilber, Blei, Cadmium, Kupfer – die unvollstaendige Liste der Gifte, denen die betroffenen Ortschaften nun ausgeliefert sind. Wir wissen nicht, wie hoch die Konzentrationen tatsaechlich sind; Fakt ist aber, dass schon nach kurzer Zeit in der Stadt Augen brennen, Schleimhaeute gereizt werden und Kopfschmerzen einsetzen. Viele Einheimischen gehen nicht ohne Atemschutz auf die Strassen.

Kommt man aktuell von Copiapo aus in die Berge? Die Antwort auf diese Frage suchten wir einen Tag lang. Laut Aussage der Polizei, sind alle Wege in der betroffenen Bergregionen inzwischen passierbar. Laut anderen, nicht weniger zuverlaessigen, Quellen, gilt es nur fuer die Rettungskraefte. Den Punkt setzte der Anblick unseres geplanten Autoverleihs am Ufer des Rio Copiapo: Auf einem verschlossenen, verschlammten Hof war kein Wagen mehr fahrfaehig. Am (nicht betroffenen) Flughafen erklaerte man uns die Lage so: „Jede Firma verlor zumindest mehrere Wagen. Wir selber suchen noch nach den restlichen zwei Pickups; laut Bord-GPS sind sie komplett unter dem Schlamm, von oben nicht zu sehen. Wir versuchen, ein paar Autos von anderen Staedten zu holen, aber das wird dauern und die Nachfrage ist sehr gross.“ Wir gaben unsere Plaene auf, flohen ans Meer und atmeten endlich ohne Kopfschmerzen durch.

Was wird nun aus der Bergarbeiterstadt Copiapó? Wird sie mit vereinten Kraeften von diesem (uebrigens extrem hartnaeckigen) Schlamm befreit und wird normal weiter leben koennen? Oder kommt die vorausgesagte zweite Welle Anfang Mai und vernichtet alle Muehen der vorigen Wochen? Wie wird sich die toxische Masse auf die Gesundheit, vor allem die der kindlichen Atemwege, auswirken?

Nach einem Tag am Meer kehrten wir nach Copiapó zurueck und nahmen den ersten Bus Richtung Sueden, froh und erleichtert, so einfach fliehen zu koennen. Die betroffene Stadt wird uns aber lange in Erinnerung bleiben – und das ist ja nur eine von vielen…

—————————————————————————–

Nun liegt nicht nur der kurze Copiapó-Aufenthalt, aber auch mehrere Tage in der Region Los Rios (22h Busfahrt suedlich von Copiapo) hinter uns. Da es morgen aber frueh aus den Federn geht, verabschiede ich mich wieder – diesmal aber wirklich nicht fuer lange.

San Jose und Marmolejo: Zwei Versuche, kein Gipfel

Santiago de Chile, 520m über dem Meer, trotz Herbst warme +24°C. Während das Land nördlich von hier mit den Folgen der schlimmsten Regenfälle seit Jahrzehnten zu kämpfen hat und es viele Opfer gibt, geht das Leben in Santiago normal weiter. Und bevor Ihr fragt: Ich hörte von der Katastrophe erst eine Woche danach von einem anderen Bergtouristen…

letztes Lager am Marmolejo (4900m, orangenes Zelt links auf dem Vorsprung)

Überfüllte Strassen, die Tasche voller Obst, im Zentrum eine friedliche Demo – die Metropole lebt. Ich löse mich auf in der Menschenmenge, geniesse die Waerme und vor allem das immer verfügbare, flüssige Wasser – aber etwas ist anders als sonst. Die Anden, die wir erst gestern verlassen und in denen ich volle zwei Wochen  verbracht habe, bleiben noch deutlich vor den Augen. 14 Tage, in denen mir insgesamt drei Bergsteiger entgegengekommen sind…

Der Plan, den Volcan San Jose zu besteigen, war perfekt – dachte ich. Gar keine technischen Schwierigkeiten, „nur“ die Höhe (5800m), der ich mit nötigem Respekt und entsprechend langsamem Aufstieg begegnen wollte. Markierter Pfad, den man laut Beschreibungen nicht verlieren konnte. Wetterbericht – die ersten Tage noch instabil, danach ideal. Genau das, was man fuer die ersten Erfahrungen mit der Höhe braucht!

Also fuhr ich eines Tages bis zum letzten per Bus erreichbaren Dorf etwa 70km von Santiago entfernt und auf etwa 1100m über dem Meeresniveau gelegen. Weiter ging es zu Fuss, bis plötzlich ein Pickup nach hinten angerollt kam und ein Arbeiter der Asphaltierung des Weges mich hineinwinkte. Den Rucksack schnell nach hinten geworfen, sprang ich rein – was für Europa wild klingt, ist in Chile absolut normal. Wir fuhren langsam ein paar Kilometer weit und verabschiedenen uns auf 1440m – und ich lief wieder die Schotterpiste entlang…

Ich trampte nicht. Mir wurde erzählt, dass die LKW-Fahrer, die die Asphaltierung und die nah gelegene Mine bedienen, abgemahnt werden, wenn sie jemanden mitnehmen. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis ein voll beladener Laster anhielt und der Fahrer nach meinem Rucksack griff – sich in die kleine Kabine mit einem Riesenrucksack hochzustemmen ist gar nicht so einfach…

Wir sprachen über das Leben und die Welt, als er plötzlich  hektisch wurde und mir etwas sagte, was ich nicht verstand. Ein paar Sekunden später war ich soweit: Ich sollte mich verstecken/ nach vorne bücken, damit mich der entgegen kommende Chef nicht sieht! Da die Sicherheitsgurte sowieso kaum existieren, war das kein Problem und nach einer spannenden Fahrt stieg ich auf 1880m aus. Es blieben immer noch etwa 10km und 450hm bis zum Beginn des Pfades und so war ich froh, als ich nach einer halben Stunde gehend wieder in eine Kabine klettern durfte… Der Weg von Santiago bis zum Pfadbeginn auf etwa 2300m (insgesamt ca. 100km) kostete mich einen ganzen Tag, aber immerhin stand das Zelt am Abend im Valle de la Engorda! (Das „Tal des Zunehmens“, hier sollen sich die Nutztiere im Sommer Fett anfressen).

Bei Nebel und Nieselregen ging es am Morgen zu einem der wenigen Refugios (Rif. Plantat, unbewirtschaftete Biwakhuette) auf 3130m Hoehe hinauf. Nach einem Verhauer und ein paar Metern extra fand ich den ausgetretenen Pfad und stieg auf, wenn auch ziemlich schwerfällig. Der San Jose ist für seine Puna – die Höhenkrankheit – bekannt, manche erklären es durch die besonderen Wind- und Druckverhältnisse, die anderen sagen, dass die nicht akklimatisierten Touristen aus Santiago selbst schuld seien. Ich hatte eindeutige Zeichen der laufenden Akklimatisation bereits ab 2500m – für mich komisch und früh. Der Plan, langsam aufzusteigen, sollte aber allen möglichen Problemen vorbeugen und ich hatte auch keine.

So brilliant mein Plan auch aussah, meinte es die Natur anders. Ende März kommt der Herbst und die gleichen Regenfälle, die im Norden Zerstörungen brachten, schneiten sich über den Bergen des Mittellandes aus. Ab 3000m gab es Schnee, drei Tage lang spurte ich mir den Weg durch das verschneite lockere Geroell hinauf und zeltete schliesslich auf 4800m – von hier koennte man den Gipfel in 5-6h erreichen!

Doch erstmal zog der Himmel zu, es windete und schneite und ich verbrachte einen Tag im Zelt liegend. Als der Wind in der zweiten Nacht das Zelt fast wegpusten wollte und die Wolken alle weggeblasen wurden, wusste ich: Es wird meine Nacht sein. Ziemlich spät, gegen 6 Uhr (die Sonne ging nicht vor 9 Uhr auf meiner Seite auf) stieg ich aus dem Zelt und  begab mich nach oben…

Dass es kalt werden wird, hat man mich gewarnt. Dass es so kalt (-20 °  ? mehr?) wird, habe ich zumindest befürchtet und ging mit allen Sachen inklusive der Daunenjacke hoch. Aber was macht man mit den vom Spuren durchnässten Lederstiefeln? Im Schlafsack übernachtet, waren sie beim Anziehen warm und weich, froren draussen aber innerhalb von Minuten fest. Nach nur 45min musste ich sie zum ersten Mal ausziehen und die Zehen wiederbeleben, nach 2h (ca. 5200-5300m) und beim dritten Ausziehen funktionierte es nicht mehr. Vor mir lag ein (spaltenfreier) Gletscher und ich sollte nun  Steigeisen anlegen – wieder anhalten und die völlig gefühllosen Füsse noch fester zuschnüren. Obwohl die Sonne bereits die Gipfel anleuchtete, gab es leider nur eine Option: den Abstieg.

Am Zelt schien bereits die Sonne und die Zehen erholten sich schnell. Noch am selben Tag stieg ich zum Refugio ab, wunderte mich über die Geschwindigkeit der Schneeschmelze und freute mich, diese langen angeschneiten Geröllstrecken unfall- bzw. umknickfrei hinter mir zu haben. Genoss die sauerstoffreiche Luft auf 3100m, wusch mir endlich die Haare, freute mich auf die Menschen nach einer Woche völliges Alleinsein… und stieg am achten Morgen ab.

Oder zumindest wollte ich absteigen. Denn etwa 30min von der Strasse entfernt kam mir ein junger Mann entgegen, dessen allererste Frage war, ob ich Spanisch spreche. Er erkundete sich nach den Verhältnissen und meinte, dass er auf den Marmolejo, den 6092m hohen Nachbarberg, wollte. Innerhalb von Minuten stellten wir, selber erstaunt, fest, dass wir gemeinsame (Berg-) Freunde haben…. und die Idee war  geboren. Zum Marmolejo schaute ich bereits vom San Jose neugierig rüber und hatte vorher Beschreibungen gelesen – vielleicht reicht das Essen noch? Es kam wie im Film: Wir schienen uns gut zu verstehen, das Essen dürfte ganz knapp reichen,  das Wetter sollte gut bleiben – und ich drehte um, den Fahrweg schon fast in Sicht.

Zwei Hacken gab es jedoch noch. Zum einen ließ ich meine noch halbvolle Gaskartusche im Refugio und nahm die leeren von dort mit runter, zum anderen musste ich mich in wenigen Tagen bei der Polizei abmelden (in Chile sollte man sich vor den Bergfahrten bei den Carabineri an- und abmelden). Also lief ich später tatsächlich noch das Tal hinunter, trampte bis zum nötigen Dorf und zurück und meldete mich ab, während Ignacio netterweise (!!!) 600hm auf und abstieg, um meine Gaskartusche von der Hütte abzuholen. Am Abend sahen wir uns beide todmüde, aber glücklich am Zelt: Es konnte losgehen.

Das Gepäck war wieder schwer, die Strecke lang. Vom Start bis zum Gipfel sind es 3700-3800hm. Ich hatte aber einen Akklimatisationsvorteil und genoss den Aufstieg durch die traumhafte Landschaft – nachdem man das steinige Colina-Tal hinter sich gelassen hatte, öffnete sich das beeindruckende, von hohen, vergletscherten und angeschneiten Fünftausendern umrahmte Marmolejo-Tal.

Der Weg zum ersten Hochlager (insgesamt die dritte Übernachtung auf dem Weg zum Marmolejo) führt über eine Rippe, die ich von weitem als nicht ersteigbar gewertet hätte. Tatsächlich ging es steil, aber akzeptabel hinauf, nur die dünne, rutschige Pulverschneeschicht machte den Aufstieg stellenweise heikel. Müde, aber zufrieden gaben wir uns auf dem Sattel die Hand: Der schwierigste Teil des Aufstiegs war geschafft, jetzt hatten wir einen wunderschönen Zeltplatz und einen Pausentag auf 4200m!

Ausgeschlafen und gut gefrühstückt, verließen wir erst gegen 11 Uhr das Zelt – bereits auf 2400m hatte es nachts deutlich unter Null Grad, wie kalt es hier auf 4200m war, kann man sich ausrechnen. Und wie kalt konnte es auf dem Gipfel 2000hm ueber uns werden??? Tagsueber stieg die Temperatur aber soweit, dass die kleinen Bächer auftauten und man nachmittags etwas flüssiges Wasser finden konnte. Dies war auch unsere Tagesaufgabe, denn für zwei Personen hatten wir doch zu wenig Gas. Beim langen Aufstieg am Vortag hatten wir übrigens jeder 3l plus die Tagesration (ca. 1,5l) Wasser getragen…

Von 4200m auf 4900m (2. Camp) ging es erholt und entspannt. Das Wetter, klar, kalt, aber fast windstill, machte jede Pause angenehm und öffnete uns eine phantastische Sicht auf den unseren und die Nachbargipfel. Der Marmolejo ist der am südlichsten gelegener 6000er und überragt geringfügig die Nachbarberge. Die 5000er-Dichte ist gewaltig und bei großem Höhenunterschied zum Tal die Aussicht überwältigend.

Die Gipfelnacht begann um 3 Uhr mit mühesamem Kauen von Müsli. Danach ging es direkt in die Penitentes – das Büßereis. Am Abend vorher konnte ich mir nicht vorstellen, dass man durch diese bizarre Gebilde kommen kann; Ignacio meinte nur „mit viel Geduld“.  Jetzt bewegten wir uns langsam durch diesen wunderschönen, grazilen, aber auch extrem hinderlichen Zauberwald.

Gefühlt die halbe Nacht verbrachten wir steigend, springend, immer wieder in irgendwelche Löcher reintretend und alles nur sehr vorsichtig anfassend. Dann retteten wir uns auf eine Moräne und zum ersten Mal sah ich etwas Licht am Ende des Tunnels – der Gipfel, vom Vollmond beleuchtet, schien ganz ganz nah! Aber das wäre zu einfach, noch lag der Marmolejo-Gletscher zwischen uns.

Der Marmolejo wird normalerweise ohne Seil gemacht, jedoch gibt es auch kritische Stimmen.  Sehr bald gefiel mir die Lage gar nicht mehr und da der Gletscher nach oben hin immer verschneiter wurde und offensichtlich größere Spalten aufwies, diskutierten wir das weitere Vorgehen. Ich verstand durchaus, dass für Ignacio heute der dritte Versuch ist und er gern den Gipfel erreichen möchte, wollte aber unter keinen Umständen weiter über den Gletscher.

Meine Bedenken fanden 100% Unterstützung und gemeinsam suchten wir einen anderen, unkritischen Weg nach oben. Dafür stiegen wir über einen breiten, zuerst aperen Rücken in noch eine Büßereis-Zone. Das war spaltentechnisch definitiv die optimale Route, bescherte uns aber einen Umweg mit noch einem Zauberwald… Hier gab ich dem aktuell fitteren Ignacio den Freibrief, alleine aufzusteigen – ich selbst fühlte mich gerade nicht so gut und wollte nur soweit folgen wie es ging. Inzwischen war es etwa 9 Uhr und die Sonne kam raus, es wurde wärmer und landschaftlich wunderschön. Allerdings war das Penitentes-Feld noch lang und die Zeit lief uns weg…

Am Fuße des eigentlichen Gipfelaufbaus angekommen, stieg die Stimmung deutlich: Jetzt ging es schneearm über feinen Vulkanschutt bergauf. Ich gewann langsam wieder meinen Rhythmus und holte Ignacio auf, der jetzt etwas müde wirkte. Aber so nah der Gipfel auch zu sein schien – vom Gletscherende waren es noch 800hm und wir hatten bereits 10:30! Das absolute Maximum lag bei 12-12:30 Uhr, danach zog jeden Tag der Himmel zu und der Abstieg wäre sehr unangenehm geworden. Im Nachhinein betrachtet, hatten wir keine Chance.

Am Berg ging es jedoch Schritt für Schritt aufwärts. Langsam, im fragilen Gleichgewicht zwischen dem gerade noch Können und dem nicht mehr Können. Als die Uhr 12:30 anzeigte, wartete ich auf Ignacio und schaute ihr fragend an – zwar gab es schon wieder Wolken, aber nicht so viele wie sonst. Das GPS zeigte 5980m an – nur noch eine halbe Stunde bis zum 6092m hohen Gipfel! Ich verstand ihn, der die ganze Reise zum dritten Mal macht, wollte und halbwegs konnte selber hinauf, aber andererseits war die Absprache klar…. Ignacio zeigte runter.

Dass die Entscheidung goldrichtig war, zeigte sich im Abstieg. Zwar wurde das Wetter nicht wirklich schlecht, dafür konnten wir uns vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Die ganze Strecke zurückzugehen war mindestens genauso anstrengend wie der Aufstieg (wie haben wir es überhaupt geschafft, in der Nacht so weit zu kommen?), wir hatten abwechselnd unsere Tiefs und halfen uns gegenseitig.  Gegen 17 Uhr endlich am Zelt angekommen,  krabbelten wir hinein und schliefen bis zum nächsten Morgen durch…

In der Nacht kam der „richtige“ Herbst.  Der Wind rüttelte am Zelt, die Böen fegten durch die Apsis. Es schneite etwas. Ohne Frühstück und nach dem Aufstehen komplettt durchfroren packten wir das Zelt ein, sammelten Ignacios Zelt im Camp 1 ein und stiegen komplett ab. Dabei bewunderte ich die Abstiegstechnik und -geschwindigkeit meines Partners und bat ihn, da er noch einen Bus am Abend erreichen wollte, in seinem Tempo allein abzusteigen. Später sahen wir uns jedoch wieder (nach >8h Stunden hole ich manchmal ein…) und er gab zu, sich beeilend einmal gestürzt und nur mit viel Glück nicht weiter gefallen zu sein. Gut, was gut endet!

Glück hatten wir auch beim Trampen. Insgesamt drei Wagen waren es, die uns mitgenommen haben – von einem Minenarbeiter-Jeep über einen „Route 666“-Laster bis zum Ingenieur (?)-Pickup. Und obwohl es gegen das umfangreiche Projekt u. a. des Wasserkraftwerks  in diesem Tal keine signifikanten Proteste mehr geben soll, nahmen die beiden trotzdem einen Weg durchs Hinterland und nicht durch die Dörfer…

Am späten Abend war es geschafft:  Ignacio nam den Bus in seine Stadt, ich kam in meinem Stamm-Hostel unter. Duschen, essen, schlafen… achja, und natürlich – träumen. Gerade die letzte Woche war so beeindruckend schön, dass ich mich schon fast freue, den Gipfel nicht erreicht zu haben und irgendwann zum Marmolejo zurückzukehren. Andererseits zeigten die Anden, dass es viele viele Faktoren gibt, die zwischen einem und dem Ziel eine Mauer errichten können. Da hilft nur die Erfahrung… Auf jeden Fall freue ich mich sehr, diese zwei Wochen in dieser Form erlebt zu haben und hoffe, vor der Rückreise noch einen höheren Gipfel besteigen zu können. Time will tell!

Fotos

 

San Pedro Circuit oder Wueste fuer Anfaenger

Zwei Wochen ist es seit der letzten Meldung her, fast ein Monat seit den letzten beschriebenen Ereignissen – dabei gibt es einiges zu erzaehlen! Deswegen nutze ich das kleine (3 PCs), staubige Internetcafe im Zentrum von Santiago de Chile (mein Basecamp seit Mitte Maerz) und schreibe ein paar Zeilen zu den letzten Wochen.

„Die Route ist sehr schoen, (….) nicht markiert, aber gut zu finden“ stand in der Beschreibung. Dies reichte, um einen Bus nach Talca, eine 200 000 Einwohner Stadt fern der Kueste zu nehmen und drei Stunden spaeter in der segnenden Hitze am chaotischen Provinz-Busterminal anzukommen. Etwa 20 Interurbahnbus-Haltebuchten, doppelt so viele fuer kleinere und wesentlich aeltere Stadt- und vor allem Umkreisbusse. Drum herum ein einziger, riesiger Markt, Schreie der Verkaeufer, Staende mit allem von Toiletten- und Fahrradartikeln bis zum Essbaren aller Art.

Da es Sonntag war und nicht moeglich Gas und eine Karte zu besorgen,  verlief der Rest des Tages entspannt. Stoebern auf dem Buecherflohmarkt, ein Besuch auf dem Frischmarkt (von dem selbst die Chilenen aus anderen Regionen schwaermen!), Entspannen in der leicht gekuehlten Luft des Hostels, sich auf die kommende, scheinbar unproblematische Wanderung freuend.

„Wo wollen Sie genauer hin?“ Die Ticketsverkaeuferin am Busbahnhof hoerte die Haltestelle zum ersten Mal und war sich nur nach dem mehrmaligen Nachfragen bei den Fahrern einigermassen im Klaren, was ich meinte. „In einer Stunde, um 12:30!“ Der Fahrer, der dann fahren sollte, war aber einer anderen Meinung: „So weit fahre ich nicht. Entweder Sie warten 3h oder gehen 7km zu Fuss“. So begann die erste der ganzen Serie der abenteuerlichen Anreisen, die noch 1,5 Tage (fuer weniger als100km) dauern sollte… aber das ueberspringe ich erstmal.

„Das ist der Pfad zum San Pedro“ – die Einheimischen, die meinetwegen spontan einen 30km-Umweg ueber die schlechtesten von mir gesehenen „Wege“ einlegten, zeigten bergauf. Eine andere Orientierung war trotz der Karte schwierig, also ging es am spaeten Nachmittag in die gezeigte Richtung los. Die Sonne war ausserhalb der Stadt, ohne Schatten, unertraeglich. Der gezeigte Pfad endete nach etwa einer Stunde und die einzige Option war, zurueck zur Jeep-Piste zu kehren und sie weiter zu laufen. Mehr als 45min zu Fuss am Stueck hielt ich aber nicht aus – gerade aus kuehlem Patagonien angereist, war die hohe Temperatur eine sehr boese Ueberraschung.

Es kam nichts. Der Weg windete sich leicht ansteigend um den Hang herum, nichts Lebendiges war zu sehen und schon gar nicht die angeblich nur 2km entfernte, gesuchte Bruecke ueber den Fluss. Nach mehreren Stunden kamen ploetzlich einige Haeuser inklusive einer (im Herbst schon leeren) Polizei“huette“ in Sicht. Deren Name kam mir bekannt vor….. ¡Eureka!!!!!!!!!!  Die netten Einheimischen zeigten auf der Karte ein komplett (!) anderes Tal, genau hier ging aber eine andere Route los, fuer die ich ebenfalls eine Beschreibung hatte!

Frueh aufwachen, die etwas kuehleren Stunden nutzen, mittags in den kaum vorhandenen Schatten legen und trinken so viel es geht. Absolut ohne Erfahrung in heissen Regionen, sagte der Koerper selbst, was er will. Zum Glueck war die Wasserversorgung nicht schwierig: Um die  Weiden in den Taelern zu versorgen, wurde von Bergbauern ein Kanalsystem eingerichtet. Sehr deutlich sah man allerdings, wo das Ende des befeuchteten Landes war – dort begann eine sandige, absolut trockene Wueste.

Mehrere Tage hat es gedauert, sich darauf einzustellen. Einmal wanderte ich nach einer Flussquerung in Flip-Flops  weiter, weil bald eine andere Flussquerung anstand. Zwischen dem Gedanken, wie angenehm es ist, durch den warmen Sand in Flip-Flops zu gehen und der Mahnung des Verstands, es nicht zu tun, bewegte sich ploetzlich etwas auf dem Boden. Eine Schlange schlich ueber den Weg und blieb liegen, mich begutachtend. Ich zog die Wanderschuhe nur noch vor dem Zelt aus…

Im Tal des Estero Pellado, das sich entgegen dem ueber 3600m hohen, schwarzen, schuttbedeckten Vulkan San Pedro erstreckt, gab es bis auf  einen einzigen Stiefelabdruck keine Zeichen der touristischen Aktivitaeten, dagegen ein (beschriebenes) leeres Hirtensommerlager und jede Menge Ziegenspuren. Dies gab zu Bedenken: Wenn der Weg zu finden sein soll, wo ist er? In diesem Tal ueberhaupt??? Es war alles relativ gut zu gehen, aber wenn es einen Weg gibt, sollte ich doch in der Lage sein, ihn su finden?

Spaeter wurde klar, dass das Tal schon richtig ist, es aber einfach keinen Weg gibt. Ueber Ziegenpfade stieg ich steil bergauf zum Fusse mehrerer Vulkane und verbrachte zwei ruhige Tage auf etwa 2500m, waehrend derer ich unter anderem den etwas ueber 3100m hohen Vulkan Pellado bestieg und die majestaetischen Kondore beobachtete (ein Glueck, dass sie keine Jaeger sind…;) ).

Nach einer Woche zwischen der Hitze des Tales und Schwefelgasen der noch aktiven Vulkane war schliesslich die Zeit, zurueckzukehren. Vom Gipfel des Pellado sah man eine auf der Karte nicht eingezeichnete Bohrplattform oder Aehnliches mit zufuehrender Strasse – waere das nicht eine Alternative zu meiner 1,5 Tage-Anreise?

Ueber die Lavahaenge hingewandert, stiess ich auf den aus einem anderen Tal (Valle Chico) kommenden, eindeutigen Pfad – wie soll man als Tourist wissen, dass diejenigen, die die hiesigen Vulkane besteigen, den im Vergleich zu meinem Tal etwas laengeren Weg durch dieses Tal nehmen (in den Beschreibungen werden beide Taeler scheinbar als gleichwertig erwaehnt)?

Einen Blick in dieses Tal erlaubte ich mir noch vor dem Ausstieg und blieb sprachlos stehen, seine Schoenheit sehend. Von fruchtbaren Weiden bis zu den scheinbar nicht erklimmbaren Felsgipfeln zieht sich das Valle Chico bis zum Horizont, sich wiederum in Bergen aufloesend. Kondore (3m Fluegelspanne!) kreisten in der Abendthermik ueber dem Zelt, das Kreuz des Suedens haengte sich an den immer dunkler werdeneden Himmel. Die Hitze wich der Nacht, machte mir aber auch tagsueber nicht mehr so viel aus – man gewoehnt sich an alles! Und als ich am Morgen nach einem kurzen Marsch querfeldein die Plattform erreichte, erklaerte die Spontanreaktion der Mitarbeiter einiges:

„Wir arbeiten hier seit 1,5 Jahren, haben aber noch nie einen Trekkingtouristen gesehen“.

Nunja, jetzt haben sie eine 🙂 Keine zwei Minuten spaeter stand ich an der Strasse und wurde sofort mitgenommen – von einem WC-Service-Wagen 🙂 Fast 2000hm zurueck ins Maule-Tal dauerten ueber eine Stunde, in der ich zwar auch alle Fragen beantwortete, aber auch durchs Fenster schaute. Die Region Maule hat etwas, was sich mir nur kurz geoeffnet hatte, was aber faszinierend ist. Sie ist touristisch wening erschlossen (es gibt (schlechte) Karten und Ansaetze des touristischen Angebots, aber kaum Touristen), aber durchaus einen Besuch wert – jedoch entweder mit einem einheimischen Fuehrer oder mit einer guten, kundigen Beschreibung – ohne diese sieht man einfach nur Lava und Schutt.

Hitze, Talca, Santiago…es ging weiter. Wenige Tage spaeter werde ich in hoeren Bergen sein, das ist aber eine andere Geschichte und auch ein paar Zeilen wert. Eine sonnige Gruesse bis dann!!!