Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Lebenszeichen

Es ist kurz nach Mitternacht, auf dem Zeltplatz in 500 Einwohner großem Villa O‘ Higgins ist es aber noch laut und die neben mir liegende Packung Kekse lässt auch nicht locker. Dass wir heute Morgen noch hungrig auf der Carretera Austral standen und uns nach 22h Versuchen zu trampen auf einen 50km langen, essensfreien Marsch über Schotter und Hügel einstellten, ist nun fast vergessen…

Vor genau drei Wochen kam ich nach Patagonien. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, einen Überblick geben – es hat sich so viel geändert! – doch leider reicht die Verbindung dafür nicht aus. Auch funktioniert das Hochladen der Fotos nicht, sobald ich besseres Internet habe, versuche ich es aber noch einmal. Deswegen kehre ich zu den letzten Tagen zurück, die ereignisreich genug waren, jeden einzelnen zu beschreiben. Nach der Rückkehr werden außerdem die genauen Beschreibungen der Touren erstellt, jetzt beschränke ich mich auf die Impressionen.

Also, es ist gestern, der 02.02. und ich setze mich sehr erleichtert mitten auf die einzige Strasse hier (und auf hunderte von Kilometern!) – die schottrige Carretera Austral. Schon die ganze Zeit, in der wir sie erahnen konnten, fuhr kein einziges Auto entlang. Wir wissen, dass weiter nördlich eine Fährfahrt nötig ist und vermuten, dass je nach Fahrzeiten dieser mehrere Autos gleichzeitig vorbei kommen werden. Der Bus fährt nach verschiedenen Angaben 2-4 Mal pro Woche und ist immer voll.

Es rauschen drei Wagen vorbei, alle voll beladen. Am Abend – inzwischen wissen wir, dass die Fähre drei Mal täglich fährt – sind es noch ein paar. Wir schlafen direkt auf der Straße aus und tauschen für die Nacht in ein sehr einfaches, aber halbwegs sauberes Refugio, das sich zufällig am Straßenrand befindet und das wir mit einer Radfahrerin aus Arizona teilen.  Dank einem weiteren Radfahrer gibt es Nudeln zum Abendessen; wie ich es geschafft habe, hier ohne Essen anzukommen, kommt bald auch ..

Heute früh nahmen wir unseren Posten an der Straße wieder ein. Als nach der ersten vermuteten Fähre gar kein Wagen vorbei kam, schulterten wir jedoch die Rucksäcke und liefen los in Richtung Süden.

Nicht einmal nach zwei Kilometern ( schon wieder auf den letzten Drucker!) sahen wir einige Kühe auf der Straße – und einen Menschen! Einen Menschen hier!!!! Und noch unglaublicher: Nach dem Mittagessen, zu dem wir direkt eingeladen wurden, sollte ein kleiner Lastwagen in unsere Richtung starten, der uns mitnehmen könnte!

Erneut wurden wir also von einem Einheimischen direkt nach dem Kennenlernen zu Tisch gebeten. Es gab Schafsfleisch mit (etwas) Brot, frisch im Ofen zubereitet. Und natürlich etliche Runden Matė und Gespräche ohne Ende.

Fragen, die von beiden Seiten gestellt werden, sind oft die gleichen: Wir wollen über das (Gaucho-)Leben und die Region mehr erfahren und werden selbst über unsere Reise und Herkunft befragt. Diesmal konnten wir außerdem einige Infos über den zurück gelegten Weg und die gesehenen Tiere (Kühe, Pferde) geben.

Ein paar Stunden später fuhr der mit kleinen Holzbündeln beladener Minilastwagen  ab – mit uns auf der Ladefläche. Während der gut eine Stunde dauernder Fahrt (ca. 45km, den Rest mussten wir gehen) sahen wir seitlich vom aufgewirbeltem Staub noch einmal diese wilde, unberührte Landschaft: Vergletscherte Gipfel, dichte Wälder, Wasserfälle, unendlich weite Sumpfflächen, blaue Seen und Flüsse. Man kann es gar nicht in Worte fassen, man fühlt sich einfach winzig, man muss es einfach selber sehen…

In Villa O’Higgins angekommen, fanden wir schnell einen von Radfahrern aus der ganzen Welt belegten Zeltplatz. Für viele von ihnen ist dieses Dorf mit dem Ende der Carretera Austral das Ziel ihrer langen, beschwerlichen und abenteuerlichen Reise, einige andere nehmen wie wir die Fähre nach Argentinien. Dann gaben wir die Sachen zum Waschen auf (auch nichts Besonderes hier) und genossen excellente, nach besten europäischen Standards gebaute warme Duschen – welch ein Luxus!!! Dann wurden natürlich die Lebensmittelläden leer gefegt und nach dem Internet erkundet: WiFi gibt es auf dem Zentralplatz für alle offen, aber nicht tagsüber, weil es dann für die Antenne (o. ä.) zu heiß ist (+25°C)… Apropos Verbindung: Den Straßenanschluss bekam die Ortschaft erst im Jahre 1999!!! Dank Tourismus hat sich in 15 Jahren aber bereits viel geändert und die Siedlung zu einem kleinen, hübschen und komfortablen Touristenort gewachsen. Nicht zuletzt ist hier ein Ausgangspunkt für die Excurcionen auf das südliche patagonische Eisfeld.

Wir lassen dieses aber erstmal rechts liegen und starten übermorgen in Richtung El Chalten in Argentinien (die Fähre für morgen war ausgebucht). Je nach Fahr- und Gehstrecken zwischendurch (eine durchgehende Fahrstrecke gibt es nicht, mindestens 22km muss man laufen, je nach Wunsch mehr) werden wir 2-3 Tage dafür brauchen. Für morgen ist deswegen ersmal nicht viel geplant – wieder Essen, etwas in der Umgebung spazieren und auf dem umgerechnet 5€ teuren Zeltplatz im Schatten liegen…. bis dann!

 

 

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