Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Auf dem Eis

Fitz Roy Umrundung, Ice Cap Trek oder Vuelta del Hielo wird die am häufigsten begangene Route auf dem südlichen patagonischen Eisfeld genannt. Aus verschiedenen Quellen wussten wir, dass die Tour spektakulär ist, aber auch, dass man sie (und vor allem das lokale Wetter) nicht unterschätzen sollte. Deswegen warteten wir ein paar Tage ab, bevor es zu dritt (ein Kletterer vom Campingplatz schloss sich an) mit Essen für 6 Wander- und zwei Reservetage zum Rio Electrico ging.

„Dort ist der Pass“ – der Taxifahrer, der uns 17km Schotterweg-Wandern sparte, zeigte in die graue Masse, die sich vom ansonsten tiefblauen Himmel abhebte. Eine der mächtigsten Schlechtwetterküchen der Welt lief im vollem Gang, sodass wir, aus dem sonnenüberfluteten Tal kommend, innehielten. Und ob man es glaubt oder nicht: Bei ansonsten bester Wettervorhersage und -lage wanderten wir schon bald im peitschenden Regen und gegen einen steifen Wind.

Es war ein Fehlstart. Am nächsten Morgen bauten wir bei sich weiter verschlechterndem Wetter Zelte auf La Playita auf – einem vermeintlich windgeschütztem Biwakplatz noch im Tal (500m ü. M.). Die Nacht verbrachten wir, das Gestänge bei Windböen unterstützend… Die Zelte haben es knapp – verbogenes Gestänge, gerissene Ösen etc. – überlebt, wir stiegen durchnässt wieder zum im Wald gelegenen Zeltplatz ab. Unterwegs spielte der Wind mit den Persönchen und ihren Rucksäckchen wie mit Papierfliegern und beschleunigte uns vom Stein zum Stein.
Die Betreiber des Zeltplätzes meinten zur Begrüßung „Geschlafen haben Sie wahrscheinlich nicht“ (sie hatten Recht) und schenkten Tee ein. Wir verbrachten mehrere Stunden am halbwegs warmen Ofen in der Gaststube.
Am Abend kamen zwei bekannte Schweizer hoch und brachten den aktuellen Wetterbericht. Es sollte besser werden, jedoch nur für zwei Tage – danach sollte es in El Chalten über 70km/h Wind geben! Was dann auf dem Eisfeld abgeht, will ich mir nicht einmal vorstellen. Wir hatten etwa 4-4,5 Etappen, die bei Wind gefährlich sind, eine weitere Chance aufs Eis zu kommen gab es aber nicht. Nach kurzem Überlegen wurde die Entscheidung getroffen: Früher Start, die kompletten Lichttage nutzen und nach zwei Tagen wieder im Tal sein oder, wenn das Programm nicht zu erfüllen ist, direkt am ersten Abend umdrehen. Wir haben uns vom (Not)Abstieg heute früh bereits erholt und wollten es wieder versuchen.

Der Aufstieg zum Marconi-Pass (400m->1500m) war das spektakulärste, was ich bisher gesehen habe. Riesige Gletscher und Eisfälle, Moränen und Seen, Gletscherflüsse und immer wieder Blick zu den schwierigsten Klettergipfeln der Welt. Einen Pfad gibt es nur im unteren Bereich, ab und an mit Steinmännchen markiert. Ab dem ersten Gletscher ist man auf sich selbst gestellt.
Über leichte Felsen (I°) stiegen wir ohne Probleme an der Seraczone vorbei, wo zwei Franzosen gerade einen Weg suchten und es nicht leicht (und vor allem nicht sicher) hatten. Sie wussten nicht, dass es oben einfacher wäre – später werden auch wir das selbe Problem haben. Da es über die Route wenig Informationen gibt, ist es oft nicht einfach, den optimalen oder zumindest akzeptablen Weg zu finden.
Weiter zum Pass ging es über flache Gletscheflächen, zunehmend schneebedeckt. Irgendwann standen wir auf dem Inlandeis und überblickten die komplette Ebene, umsäumt von den wilden, vergletscherten Gipfeln – unbeschreiblich.
Ohne Steigeisen, aber am Seil ging es zügig gen Süden. In der Abenddämmerung, nach ca. 13h seit dem Start waren wir gegenüber des Circo de los Altares, der mit u.a. Fitz Roy und Cerro Torre eine einmalige Kulisse bot. Hier, mitten auf dem Eis, erlebten wir einen phantastischen Sonnenuntergang und gruben die Zelte (mehrere Stunden lang) so ein, dass sie auch eine stürmische Nacht überstehen sollten. Kurz nach Mitternacht war es dann geschafft und der Wecker für noch einen langen Tag gestellt.
„Glücklich ist, wer hier einen Sonnenuntergang erleben darf“ schrieb Ralf Ganzhorn, der Autor des (sehr anspruchsvollen) Rother Wanderführers für Patagonien. Und das, was wir gerade hatten, war ein SonnenAUFgang – und zwar wieder einmalig schön! Nach einer luxuriösen Fotosession ging es unter ziemlichen Zeitdruck weiter, die Schneedecke wurde jedoch immer dünner und die „Spaltensuche“ immer erfolgreicher. Irgendwann war der Gletscher offen, was einerseits sicherer, andererseits aber noch schlechter für die Fortbewegung war – 5h Spaltenhüpfen mit Gepäck sind anstrengend… Die Aussicht und der wolkenlose Himmel ganz ohne Wind waren es aber natürlich wert.
Nach kurzem Verlaufen – ohne die gerade angekommene kanadische Frauenseilschaft inkl. einer Bergführerin hätten wir lange gesucht – ging es über die Moränen wieder aufs Eis. Mit den Mädels ( ausser ihnen und uns gab es heute keinen auf dem Eis) kreuzten sich unsere Wege aber nur kurz, weil sie ein anderes Tal mit einem Refugio anstrebten ( ihr Zelt hatte ihnen der Wind wenige Tage davor zerlegt).
Gegen 20 Uhr standen wir nach etlichen Kilometern auf Eis und Geröll auf dem Pass des Windes (Paso del Viento). Ich sah schon Videos, in denen Menschen dort auf allen Vieren hoch krochen (Wind) – wir genossen in aller Ruhe den letzten Blick übers Eis und machten uns auf den Weg in „diese“, bewohnte, bereits im Abendschatten liegende Welt.
Der Ab- bzw. Ausstieg ist aber auch lang. Zum Glück kannte Danny, unser dritter Kollege, hier bereits den Weg und navigierte uns in der Abenddämmerung über einen weiteren Gletscher und später eine Schlucht. An einigen Stellen ist der Weg gut erkennbar und ausgebaut, an anderen wäre ich nie auf die Idee gekommen, dort lang zu „gehen“. Kurz vor der Seilbrücke über die Schlucht und etwa eine Stunde vor dem rettenden Wald (Windschutz) bauten wir schon im Dunkeln das Lager auf in der Hoffnung, dass das Schlechtwetter wie erwartet erst am nächsten Tag mittags ankommt.

La Tyrolesa – die Seilbrücke – war wie vermutet lustig und wir kamen mit einigen Sicherheitsvorkehrungen gut rüber. Der weitere Weg, teilweise in der Sonne, teilweise im Regen, war einfacher und zog sich ziemlich in die Länge. Die fast 500hm Gegenaufstieg zwischendurch kostete Kraft und machte deutlich, wie müde wir von den Doppeletappen waren – aber was jetzt auch kommen mochte, wir waren durch! Wir haben das Eis gesehen bei bestem Wetter der Saison (laut einem Guide), sind gut runtergekommen und hatten nur noch ein paar Stunden bis nach El Chalten mit windgeschütztem Zeltplatz und warmen Duschen!!!
Der nächste, heutige, Tag ist der Erholung gewidmet. Der starke Wind kam erst in der gestrigen Nacht, kann uns hier aber nichts antun. Noch recht fertig, werden die Akkus aufgeladen und nächste Pläne geschmiedet – nach ein-zwei kleinen Ausflügen hier geht es in den NP Torres del Paine, wo wir etwa eine Woche lang bleiben werden. Auf gut markierten Wegen, versteht sich 🙂

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