Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Hindelanger Klettersteig

15.-16.03.2020

Lange zehn Jahre ist es her, seit ich den Hindelanger Klettersteig zum ersten Mal angefasst habe. Obwohl im Sommer kein Problem, kamen wir im Winter 2010 keine 10m weit bis wir verstanden haben, dass es nichts für uns ist. Doch ich habe die Tour nicht vergessen und gerade jetzt, nach dem Umzug nach Stuttgart, bot sie sich an. So trafen wir uns an einem Freitagabend in Oberstdorf mit Vincent, einem jungen Klettertrainer von meiner DAV-Sektion, und nahmen am Morgen die 2. Bahn zum Nebelhorngipfel.

Hochtourenfeeling nur wenige Meter von der Seilbahn entfernt

Die Bergstation ist warm und gemütlich. Wie immer kostet es mich etwas Überwindung, sie zu verlassen, doch die Sicht auf den vor uns liegenden Grat ist faszinierend. Direkt unterhalb des Gebäudes ins Gelände gequert, fühlen wir uns sofort auf Tour und jeder Schritt macht Spaß. Der Schnee ist noch relativ gut gefroren, taut aber leider mit jeder sonnigen Minute auf – so haben wir es uns nicht vorgestellt! Laut Wetterbericht soll es heute kaum bis keinen Sonnenschein geben, weswegen wir uns bei generell warmen Temperaturen für diesen und nicht für den sonnigen nächsten Tag entschieden haben. Eiskletterer sind bekanntermaßen Schattenkinder…

Bis zur ersten Leiter hat man etwas Zeit zum Eingewöhnen. Als nicht wirklich Schwindelfreie freue ich mich über diese einfachen Meter und schätze das gute Gefühl, welches ich aus dem doch einigermaßen kletteraktiven Winter mitbringe. Die Füße melden einen unterschiedlich tiefen, inhomogenen Schnee, das Eisgerät liegt aber gut in der Hand und der Kopf macht 100% mit. Wir sind an der Leiter – jetzt geht es richtig los!

Der Grat wird ausgesetzter. Die meisten Sicherungen sind verschneit, immer wieder gibt es Wechten, der Schnee stollt sehr stark. Das macht das Gehen auf der Schneide schwierig, manchmal müssen wir im eigentlich flachen Gelände Hände zur Hilfe nehmen oder uns mit dem Gesicht zum Hang drehen.

Bis zum ersten Notausstieg sind dabei zwei Stellen besonders zu erwähnen: Ein plattiger, dünn überschneiter Aufschwung und eine steile Abkletterpassage. Die Platte bemerkte ich erst mittendrin und konnte nur noch schnell drübersteigen; diese Stelle ist aber definitiv nicht zu unterschätzen. Vor der Abkletterpassage versuchte ich es, die Sicherungen auzugraben, konnte sie aber nicht finden. Es war recht steil (60-65°) und der Schnee locker und teils bodenlos, teils ganz dünn – hier wäre ein zweites Eisgerät oder Pickel von Vorteil gewesen. Insgesamt kamen wir aber problemlos und ohne zu Sichern bis zum ersten Notausstieg durch.

Dann begann der Kernstück des Klettersteigs. Es ging im stetigen, leichten Auf und Ab über unzählige Türmchen. Die Markierungen und der normale Orientierungssinn sind ausreichend, Möglichkeiten sich zu Verlaufen gibt es kaum. Als es etwas schwieriger und ausgesetzter wurde, holten wir das Seil raus und gingen ein Stück am laufenden Seil. Die Sonne hat sich inzwischen versteckt, der Schnee wurde südseitig besser und blieb nordseitig eisig, das Gelände immer noch sehr gut zu gehen und die Sicherungen stellenweise frei, so dass wir immer wieder Sicherungen einhängen konnten. Danach wurde es wieder einfacher und das Seil wanderte zurück in den Rucksack.

Am 3. Notausstieg – es schneite inzwischen ordentlich und der Neuschnee begann sich bemerkbar zu machen – entschieden wir uns, auszusteigen. Der Tag war wunderschön, die Route sehr gut machbar, aber die Zeit fortgeschritten – wenn wir bis zum Großen Daumen gehen, dürfen wir im Dunkeln und bei Nebel nach der Hütte suchen. Wir stiegen die lange Schneeflanke ab (zuerst 50°, dann immer flacher) und liefen nicht ohne einen kleinen Orientierungs-Schlenker dem Abendessen am Edmund-Probst-Haus entgegen.

Am Morgen lachte die Sonne. Der Himmel war tiefblau und die Pisten zum letzten Mal voll. Über den präparierten Fußgängerweg ging es zum Zeigersattel, von wo wir ohne zu sprechen einen schmalen Grat ansteuerten. Dass es nicht der Grat war, den wir gehen wollten, fiel uns erst viel später auf… Nach dem Seeköpfel wurde es bei inzwischen schlechtem Schnee kriminell und wir stiegen, noch den Großen Seekopf mitnehmend, nach Oberstdorf ab.

An dem Tag hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass der Hindelanger Klettersteig die einzige Frühjahrstour 2020 bleiben wird. Genauso wenig dachte ich aber vor 10 Jahren, dass ich diesen Grat eines Tages so genießen werde. Aus beiden Gründen bin ich sehr glücklich und dankbar darüber, diese phantastisches Wochenende im schönen Allgäu erlebt zu haben und freue mich sehr auf ein – hoffentlich baldiges – Wiedersehen.

P.S.

Material: 1 Eisgerät, je 2 Exen, je 1-2 Schlingen, Seil je nach Bedingungen und Sicherheitsbedürfnis. Keile+Friends nicht gebraucht.

Schwierigkeit: Meist Gehgelände oder leichtes (I) Kraxeln. Stellenweise ausgesetzt. Schwierigkeiten eher durch schlechten oder zu wenig/zu viel Schnee.

Zeitaufwand: Wir rechneten vorsichtig mit der doppelten Sommerzeit, hat gemütlich und mit etwas Reserve gepasst.

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