Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Unterklettert

Frühling ist meine Zeit, aus Herbsträumen endlich konkrete Pläne zu zimmern. Jedes Jahr genieße ich diese Phase der Anspannung, des Trainings und der Vorbereitung – doch dieses Jahr ist bekanntlich anders. Niemand weiß, was genau kommt, und umso mehr freuen wir uns über Altbekanntes. Und was ist im Mai noch vertrauter, als den warmen Fels anzufassen?

Unterklettert – das klingt nach Entzugserscheinungen. Unterstresst, nicht ausgetobt, keine Kratzer oder blauen Flecken, permanent saubere Fingernägel. Da es so nicht weiter gehen konnte, nutzten wir einige schöne Tage, um wieder an den Fels zu kommen – mit Erfolg, zumindest was Kratzer und Fingernägel angeht. 

„Du wartest nicht etwa auf mich?“ – „Doch, sonst läuft beim Pendeln Seil auf Seil!“ „Ok, ich beeile mich“ – höre ich mich lügen und versuche zu entscheiden, welchen Fuß ich wage zu bewegen. Eigentlich müsste ich recht sicher stehen, doch ich traue mich nicht, die Schuhspitzen nur um einen Millimeter zu verschieben. Schweigend flehe ich den Fels an, mir einen Griff entgegen zu schicken. Doch die Platte wehrt sich. Finger beginnen in der Mittagssonne zu schwitzen und können dem rauen, aber völlig strukturlosen Fels nichts abgewinnen. Ich bedanke mich beim inneren Angsthasen, dass ich mich nicht vorzusteigen traute – ein Abflug gäbe wohl eine Jahresdosis an Kratzern – und klettere fluchend nun doch ein Stück weiter. Das gefällt der Route nicht: Sie steilt sich auf, immer noch auf die Griffe verzichtend. Irgendwann habe ich Mitleid mit dem immer noch wartenden Kollegen und behelfe mir schnell mit einer Schlinge. Puh, oben. 

Auf der Alb misstraue ich jedem Stein, den ich nicht selbst festgeklebt habe. Hier, im Granit des Schwarzwaldes, besteht das Brüchigkeitsproblem nur ganz selten – zum Beispiel dann, wenn man akrobatisch in einer Verschneidung verkeilt nicht mehr weiterkommt. Wie in dieser angeblichen Route im 4. Grad, wo wir nach drei Versuchen aufgegeben haben, die letzten zwei Meter zu klettern. Natürlich wäre es irgendwie gegangen und irgendwer wäre dort elegant drübergestiegen. Wir standen jedoch beide auf dem Schlauch und überlegten, ob die Route an dieser Stelle der Kürze wegen nur die halbe Bewertung erhalten hatte…

Unterklettert. Es ist erstaunlich, wie sehr man es merkt – die Senkrechten geben uns nicht nur physisch, sondern auch psychisch enorm viel. Was für ein genialer Sport! Katzenhafte Bewegungsabläufe, absolute Konzentration, Vertrauen in sich und den Sicherungspartner – und das alles in einer entspannten, grünen Umgebung.

Der Wiedereinstieg ist inzwischen geschafft. Das Material wurde gesichtet und kontrolliert, die verschiedenen Gesteinsarten fühlen sich nicht mehr ganz merkwürdig an und der etwas größere Hakenabstand löst keine Panik mehr aus. Wie glücklich wir doch sind, die Kraft in diesen ewig alten, grauen Felsen zu finden! Wünsche uns allen einen schönen, kletterreichen und unfallfreien Sommer!

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