Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Pitztal, Hochtouren

14.-20.07.2013

„Tourenwoche“ – für einen Langstreckenwanderer klingt das eher nach einem verlängerten Wochenende. Für uns, die jeden Tag kleinere oder größere Abenteuer und Highlights erlebten, einiges an Höhenmetern meisterten und lange vor der Sonne unterwegs waren, war sie jedoch genau richtig: Am Abreisetag hätte keiner genug Energie gehabt, wieder aufzusteigen.

im Aufstieg zum Hinteren Brochkogel (3628m)
im Aufstieg zum Hinteren Brochkogel (3628m)

Nach der Anreise ging es auf einem bequemen Pfad hoch zur Rüsselsheimer Hütte und etwas höher, um unsere Flachlandlungen an die Bergluft zu gewöhnen. Das dankten sie uns bereits am nächsten Tag, als es auf die Hohe Geige (3395m) über deren Westgrat ging – perfekte Einlauftour im festen Blockgelände (I)  und mit herrlichen Ausblicken!

Aufstieg zum Westgrat. Im Hintergrund - Watzespitze
Aufstieg zum Westgrat. Im Hintergrund – Watzespitze

Der Weg ist teilweise tatsächlich „gratig“, dank dem griffigen, festen Blockgelände gerät man aber nie in Stress. Zum Schluss geht es über einige gesicherte Passagen fast senkrecht bergauf und über steile Altschneefelder auf den Gipfel. Hier – und besonders im Abstieg –  wussten wir unsere Steigeisen zu schätzen und wunderten uns, dass einige Entgegenkommende darauf verzichteten. Zurück zur Hütte ging es über den teilweise gesicherten Normalweg und später knieschonend über mittelsteile Schneerinnen.

steiler Abschnitt auf dem Normalweg
steiler gesicherter Abschnitt auf dem Normalweg
im Abstieg

Nach dieser gut gelungenen Einlauftour wartete Mainzer Höhenweg auf uns. „Nur ein Höhenweg? Also wandern???“ – fragte ich mich, und selbst der Prädikat „anspruchsvoll“ machte den „Mainzer“ in meinen Augen nicht reizvoller. Dass wir dabei fünf über 3000m hohe Gipfel und drei Gletscher überschreiten, einen Grat im I-II° Grad entlangturnen und immer wieder durch den Schnee müssen, wurde zuerst zu einer angenehmen, zunehmend aber einer anstrengenden Überraschung. Außerdem entglitt mir meine volle Wasserflasche auf einem Schneefeld und für den Rest des langen heißen Tages verpflegte ich mich mit dem Schnee.

Mitte Juli ist noch alles verschneit
Mitte Juli ist noch alles verschneit

Gehabschnitte wechselten sich mit kurzen gesicherten Passagen ab, Felsen mit Schnee, Auf- mit Abstiegen. Vorbei am genial gelegenen Rheinland-Pfalz-Biwak, näherten wir uns langsam, aber sicher  der Braunschweiger Hütte. Laut Karte fast schon angekommen, entschieden wir uns für die zwar längere, dafür aber gespurte Variante und hofften, dadurch schneller anzukommen. In Wirklichkeit vergingen noch fast zwei Stunden (Steigeisen an- und ausziehen, steile Querungen spuren,  ein paar Höhenmeter….) und erst nach 12h 30min erreichten wir endlich die Hütte.

eine der mehreren gesicherten Felsstufen
eine der mehreren gesicherten Felsstufen
es zieht sich

Hier klang die Musik und Menschen in sauberen Jeans und Turnschuhen spazierten über mit roten Teppichen ausgelegte Flure – so schaut es also auf dem E5 aus! Selbst gekämmt und nicht mehr durstig fühlten wir uns in dieser Gesellschaft ein wenig fremd.

Am Morgen ging es gemeinsam nach Vent und hoch zur Breslauer Hütte. Trotz der nicht wenigen Höhenmetern erholte ich mich gut an dem Tag und freute mich auf den Höhepunkt der Tour – die Wildspitze. Als Aufstiegsweg wählten wir den Rofanferner mit dem anschließenden Querfeldein. Auf die Frage nach Verhältnissen meinte die Hüttenwirtin nur, dass der Bergführerausbildungskurs vor zwei Wochen nicht begeistern war. Dies gab zwar zu bedenken, brachte uns ohne konkretere Informationen aber nicht vom Plan ab, und so ging die ganze Hütte in der Morgendämmerung  in eine Richtung – und wir in die andere.

für die Unterhaltung an der Breslauer Hütte ist gesorgt
unglückliche Kuh, die gerade aus der Hütte verbannt wurde und keine Biergläser mehr auslecken durfte

Bereits nach wenigen Minuten entschied sich einer von uns umzudrehen, weil es ihm nicht gut ging. So blieben wir völlig unerwartet zu zweit – vor dem uns unbekannten, geschlossenen Gletscher.

...Spaß.
am Rofankarferner

Als Erfahrener ging mein Partner voran, sondierte den Schnee und fand immer wieder „schwarze Löcher“. Irgendwann wurde es uns zu heikel und wir drehten um – doch nach 50m im spaltenreichen Gelände wurde doch beschlossen, nicht wieder den ganzen Gletscher ab-, sondern den kleinen Rest zu den Felsen aufzusteigen. Die Aussicht war übrigens herrlich!!!

die beiden sind über einen anderen Weg bis hierher aufgestiegen und queren zu „unseren“ Felsen

Als der Stein kam, wagte ich es sowieso nicht, einzuatmen. Nichts, absolut nichts war hier fest; die Bewegungen ähnelten eher Schwimmen als Steigen – nur gefühlt senkrecht. Nun pfiffen ein größerer und mehrere kleine Steine ganz knapp an uns vorbei – zum Glück konnten wir beide rechtzeitig die Köpfe einziehen.

öljb
NICHTS ist hier nur annähernd fest…

„Warte, ich lasse dir gleich das Seil runter!“ „Das Seil ist in meinem Rucksack, hier unten…“ Und etwas Festes zum Sichern hätten wir hier eh nicht. Verständlich, dass es dem Kurz vor zwei Wochen auch wenig Spaß machte… Nach den ersten 30m wurde es jedoch minimal besser und ging langsam, aber sicher(er) aufwärts. Nach oben hin besserte sich die Felsqualität und es machte mehr Spaß, ein Abenteuer war diese „Kletterei“ aber trotzdem. „Wo kommt Ihr denn her?“ – fragte man uns auf dem Gipfel. Und fünf Minuten später: „Jetzt mal im Ernst: Wo kamt Ihr denn her?“

geschafft!
geschafft!
im Abstieg
im Abstieg

Wieder an der Hütte, trafen wir unseren, sich inzwischen gut fühlenden Dritten und beschlossen, am nächsten Tag zur Vernagthütte überzugehen. Unterwegs versuchten wir den Brochkogel über den Nordgrat zu erklimmen, gaben aber kurz vor dem Gipfel auf – der Schnee war zu tief und zu steil, das Wetter zu unsicher. Im Abstieg sahen wir eine ganz frische (nicht angeschneite) abgegangene Steinlawine am Fuß des Berges und bemühten uns, auf leisen Sohlen diesen Schutthaufen zu verlassen.

Stau auf dem Wildspitze-Normalweg (wir müssen auch erst zum Mittelkar...)
Stau auf dem Wildspitze-Normalweg (wir müssen auch erst zum Mittelkar…)
Brochkogel im Abstieg – kein Wunder, dass die Ötztaler kleiner werden…
vor 100 Jahren war das alles vergletschert.... nahe der Vernagthütte
vor 100 Jahren war das alles vergletschert…. nahe der Vernagthütte

Es blieb uns ein einziger Tag in den Bergen. Etwas wehmütig ging es am frühen Morgen auf den Fluchtkogel – einfacher, aber aussichtsreicher Gipfel zum Auslaufen. Noch bevor die letzten Gäste gefrühstückt hatten, waren wir bereits wieder an der Hütte. Ließen uns verwöhnen (ich bekam sogar freundlicherweise Bratkartoffeln um 10 Uhr morgens!), trockneten Ausrüstung und stiegen nach Vent ab.

Gletschermeer vom Fluchtkogel (3500m)
Gletschermeer mit dem Brandenburger Haus vom Fluchtkogel (3500m)
Gipfel!
Gipfel!
heiß...
heiß… wir sind aber wieder zurück.

Eine Woche in den Bergen und sechs tolle Tourentage lagen hinter uns. Müde, aber zufrieden ging es nach Hause – die Beine haben inzwischen eine Pause verdient und der Kopf musste auch erst wieder ankommen. Insgesamt hat es aber richtig viel Spaß gemacht und ich war mir sicher, bald wieder zu kommen – dass es bereits in 2 Wochen geschieht, war aber nicht vorauszusehen…

2 thoughts on “Pitztal, Hochtouren

  1. anmerkung bzw. frage:
    habt ihr wirklich den nord-ost-grat der wildspitze gemacht? der nord-ost-grat ist doch der wechtengrat vom rofenjoch aus. laut den bildern sieht es aber eher so aus, als ob ihr den oberen südgrat ab dem firnsattel zwischen ötztaler urkund und wildspitze gemacht habt. das erklärt dann auch warum ihr die IIIer-stelle nicht gefunden habt, da sich diese im südgrat unterhalb des ötztaler urkund befindet. diesen habt ihr durch euren zustieg über den rofenferner rechtsseitig umgangen.

    mfg philipp

    1. Hey Philipp,

      sorry für die späte Antwort – wir waren unterwegs.
      Und danke für Deine Anmerkung – endlich „muss“ ich mich damit auseinander setzen, wo wir dort genau rauf sind 🙂 Auf dem Gletscher haben wir uns orografisch links gehalten – also in Richtung Nordostgrat. Den angesprochenen Firnsattel ließen wir deutlich links liegen. Dann sind wir allerdings über die O-Flanke rauf und anschließend auf einen schwach ausgeprägten Grat.
      Ich korrigiere gleich die Angaben – vielen Dank für den Hinweis!
      LG,
      Anna

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