Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Ultra-Trail du Mont-Blanc

 30.-31.08.2014

Regen prasselte auf bunte Laufjacken und lief die Gesichter runter. Still wie verhext standen über 2400 Läufer und noch mehr Zuschauer mitten in Chamonix und lauschten dem pathetischen  „Conquest of Paradise“. Es blieben wenige Minuten bis zum Start des UTMB – eines Bergultramarathons mit absolutem  Kultstatus –  und die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt – Gänsehaut unter Beteiligten, Tränen bei den Kindern.

Streckenprofil Quelle: UTMB
Streckenprofil Quelle: UTMB

Am Tag davor kamen wir in Chamonix an. Holten Unterlagen ab, spazierten durch den Ort (als Erstes sah ich dabei den Zieleinlauf eines Bekannten nach dem TDS ) und quartierten uns auf dem Campingplatz ein. Und während mein Kollege sich schon am frühen Morgen an den Start des CCC (Courmayeur-Champex-Chamonix, 101km) machte, nutzte ich die Zeit bis zum Start um auszuschlafen, den Laufrucksack zu packen und ein paar Kleinigkeiten in der Stadt zu besorgen.

Campingidylle
Chamonix
startbereit!

Start

entspannte Stimmung eine Stunde vor dem Start, hier noch ohne Regen

Als ob würde sich eine Feder entspannen, setzte sich die Menschenmenge plötzlich in Bewegung. Über vom Wasser überflutete, von den mitfiebernden Zuschauern umsäumte Straßen liefen wir durch den Ort und in den Wald hinein. Trotz des subjektiv ausreichenden Tempos wurde ich ständig überholt und wechselte freiwillig auf den „Seitenstreifen“, um die Schnelleren nicht zu stören.

Die ersten 8km sind vergleichsweise flach und ich erreichte den ersten Versorgungspunkt wie gewünscht in knapp einer Stunde. Danach wartete der erste Bergtest (800hm rauf und runter), bevor man sich erstmals im Vergleich zum Besenwagen einschätzen konnte  – für 21km, 950hm bergauf und 1170hm bergrunter hat man maximal vier Stunden Zeit. Der Aufstieg zum Le Délevret (KM 13) über breite Forstwege fiel zwar nicht unter Wellnesswandern,  ging aber insgesamt ganz gut. Das Einzige, was mich störte, war ein komisches Gefühl im Bauch, das böse Vorahnungen auslöste.

Um nach Saint-Gervais (818m, KM 21) zu kommen, steigt man über eine steile grasbewachsene Skipiste ab. Nach mehreren Stunden Regen und nach Abdrücken der 4000 Läuferfüße vor uns wähnte man sich auf einer Schlammrutsche;  ich kam damit aber relativ gut zurecht und war verhältnismäßig schnell und sturzfrei unten. Später hängte ich mich einem Mexikaner an die Fersen und gemeinsam machten wir das Beste aus dem restlichen Abstieg, wobei sich der Stau an den Engstellen  trotzdem nicht ganz vermeiden ließ.

 Mittendrin-1: „Euphorie“

unterwegs in den Bergen (Foto von später)

Etwa eine halbe Stunde vor dem ersten Cut off ging es vom VP (=Versorgungspunkt) weiter. Der Regen ließ langsam nach; es wurde dunkel. Ein erstes Tief breitete sich über die Läufermassen: Die Anstrengung, diese schlammigen 10km bis zur nächsten Versorgungsstation zurück zu legen, stand in keinem Verhältnis zu der eigentlich einfachen Strecke. Selbst die flachen Abschnitte zogen sich unendlich und ich klammerte mich an den Gedanken, dass wenn es auch weiter so geht entweder die Strecke oder die Grenzzeiten geändert werden müssen. Anstatt den Vorsprung vor dem Besenwagen auszubauen, verbrauchte ich auf dem „leichten“  Weg nach Les Contamines (1153m, KM 31) sogar einige Minuten davon.

Nun war es tiefste Nacht und der erste „richtige“ Berg (Croix du Bonhomme, 2439m, KM 44) stand an. Erst ging es über breite Wege nach La Balme (1698m, KM 39), wo viele Teilnehmer bereits eine längere Pause einlegten, und über Bergpfade weiter zum Rif. Croix du Bonhomme.

Ruhig, stetig, ohne zu drängeln, aber trotzdem alle Überholmöglichkeiten nutzend stieg ich auf und genoss es. Als Belohnung für die 1300hm am Stück gab es anschließend einen rund 900hm langen Abstieg nach Les Chapieux (1553m, KM 49), der für mich zum absoluten Highlight der Tour wurde: Ohne Rücksicht auf die Gelenke und die Kraftreserven „flog“ ich runter und kostete mitten in der Nacht den Zustand der vollen Konzentration und absoluter Kontrolle über die Bewegungsabläufe aus.

Der Spaß „rächte“ sich noch bevor ich im Tal war – erstens verbrauchte es viel Energie, zweitens sind meine Knie solche Aktionen nicht gewohnt. Außerdem war es mir zunehmend übel und mehr als etwas Brühe und Pepsi ohne Gas bekam ich nicht hinein.

 Mittendrin-2: „Landung“

the long road

Warum reicht es mir nicht, 100km-Strecken zu laufen? Selbst mit Höhenmetern nicht länger als 20h, relativ übersichtlich, aber trotzdem herausfordernd. Warum musste ich mir als ersten Berglauf gerade den UTMB aussuchen, obwohl ich weder die Kilometer (längste Strecke ohne Schlafpausen bisher 140km) noch die Höhenmeter einschätzen kann? Wie soll ich, die jetzt schon müde wird, noch eine ganze Nacht, anderthalb Tage und dreimal so viele Höhenmeter wie bisher überstehen?

Über eine sanft ansteigende Asphaltstraße ging es das Tal hinauf;  ich legte den höchsten Gang und schaltete Musik ein, um mich von demotivierenden Gedanken abzulenken. Tatsächlich überholte ich viele und war bezaubert von den Stirnlampenlichtern, die sich weit nach vorne und hinten aneinanderreihten.

Es wurde anstrengend. Von der Leichtigkeit des letzten Aufstiegs blieb nicht viel übrig und nicht nur ich hatte zu kämpfen.  Je weiter wir aufstiegen, umso mehr wurde aber klar: Die Nacht ist gleich zu Ende!

der Morgen naht!

Der Abschnitt zwischen dem Col de la Seigne (KM 60) und dem Arête Du Mont Favre (KM 68wurde mir als der schönste Teil der TMB genannt und so war es auch. Ein malerisches Tal im kühlen Morgenlicht umrahmt von schneebedeckten, schon sonnenangestrahlten  Gipfeln – großartige  Hochgebirgsszenerie! Der Aufstieg zum Arête-du-Mont-Favre (2409m), begleitet vom Hubschrauber, entsprach 100% dem, was man vom UTMB erwartet: Berglauf der Extraklasse.

Hinterseite der Aiguille du Dru

Der Abstieg nach Courmayeur (KM 77) ist im oberen Teil wunderschön, je tiefer man aber kommt, umso steiler wird es. Irgendwann hatten wir kaum Strecke, aber immer noch stattliche 700hm bis zum Ort und der Pfad bestand aus unzähligen, knietötenden Stufen.

unten – Courmayeur. Hier ein perfekter Laufweg!

Als auch dies geschafft war, trabten wir durch Courmayeur und erlebten schon mal einen Vorgeschmack auf den späteren Zieleinlauf in Chamonix: Musik, festliche Stimmung, jede Menge Zuschauer.

Im Sportzentrum Courmayeur mit einem phantastischen Bergpanorama wurde ich in den ersten Stock geleitet – Räume für Läufer ohne Begleitpersonen. Wie gewohnt besorgte ich mir zuerst etwas zu essen –eine halbe Portion Nudeln und einen Becher Apfelmuss – und trank etwas. Leider bekam mir die Mahlzeit nicht gut und schob das instabile Gleichgewicht von „Übelkeit, aber ansonsten gesund“ zu „krank und dazu noch Übelkeit“.

 Probleme

hier noch gut drauf, aber bald geh es abwärts

Nach dem Verlassen des VPs, wo ich etwa 45min verbrachte, lernte ich eine junge Irin kennen, die den UTMB bereits mehrmals bestritt und finischte. Wir unterhielten uns, als ich plötzlich beim Namen angesprochen wurde – zwei Bekannte von mir standen am Weg!!! Eine tolle Überraschung, wirklich sehr, sehr angenehm! Und dem Rat „mach mal langsam“ (nachdem ich mich über mein Unwohlsein beschwert hatte) werde ich noch einiges zu verdanken haben.

Also ging es gaaaanz langsam zum Rif. Bonatti (2015m, KM 89) hoch. Dort schaute ich durstig, aber unfähig zu schlucken den Trinkenden zu und wandte mich an den medizinischen Dienst mit der Bitte, mir etwas gegen die Übelkeit zu geben. Danach immerhin einen halben Becher geschafft, ging es über einen schönen Höhenweg in Richtung Arnuva (1786m, KM95) – ein entspannter, landschaftlich wunderschöner Abschnitt.

Ich fühlte mich allerdings absolut fertig und war nach wortwörtlich 2-3 Schritten bergauf aus der Puste. Ob es an der Allgemeinkondition liegt? Habe ich mich also doch übernommen mit dem UTMB? Ist das meine körperliche Grenze? Spaß machte es keinen, aber irgendwann war ich in Arnuva, schaffte mit Mühe einen Becher Brühe und ging weiter.

mir wegzulaufen ist jetzt kein großes Problem

Vor mir stieg ein Koreaner auf – langsam und sichtlich ohne zu genießen. „Wenn er es noch versucht, warum sollte ich nicht?“ Immerhin kam ich räumlich noch (schneckenlangsam) voran und hatte genug Zeit vor dem Cut off. Der Aufstieg zum Grand Col Ferret  (2490m, KM 100) entwickelte sich aber langsam zum Alptraum und nur die Tatsache, dass an jeder Wendung andere Teilnehmer standen, saßen oder lagen motivierte ein wenig („Ich gehe doch in die Berge, ich kann ohne Pausen steigen!“)

War es das?

unerreichbar…wie auch das Ziel

Irgendwann fragte ich mich, ob ich an der Stelle umdrehen soll. Das wäre der schnellste Weg, den Quatsch zu beenden; was bringt es auch, weiter hoch zu gehen, wenn man eh aussteigt? Die Entscheidung des Ausstiegs stand inzwischen fest; ich konnte und wollte nicht mehr. Es wurde flacher, jetzt brauchte aber auch ich Pausen jede ein paar Schritte und schnaufte wie eine kaputte Lok.

kurz vor Arnuva. Nicht nur ich laufe nicht mehr

Am Grand Col Ferret angekommen, ließ ich mich ins Gras fallen und beobachtete ruhig und gelassen, wie sich alles um mich herum dreht. Mehr habe ich mich in meinem Leben nicht gequält, jetzt, im Liegen, war endlich alles in Ordnung.

Lange ließ man mich in diesem glücklichen Zustand nicht verweilen. Aufgrund des Windes scheuchten die Posten alle weiter, mich luden sie ins Zelt ein, maßen Zucker im Blut (niedrig) und schenkten Pepsi ein – ich bevorzugte aber erstmal etwas gegen die Übelkeit. Und diesmal wirkte es!!!

Den Becher süßer Flüssigkeit Schluck für Schluck geschafft (zur Erinnerung: In den letzten 7h gelangten nur ein ganzer Becher Brühe und ein halber Pepsi in den Magen), machte ich mich an den Abstieg. Langsam und deprimiert – die Entscheidung des Ausstiegs ist gefallen, ich musste aber noch 10km bis zur geeigneten Stelle laufen. Das Medikament schlug diesmal aber richtig an und zum ersten Mal seit Stunden fühlte ich mich bis auf die allgemeine Schwäche akzeptabel.

In La Fouly (1600m, KM 108) wurde ich sofort aussortiert und zur Ärztin gebracht. Während diese mit irgendwelchen Füßen beschäftigt war, warf ich einen Blick auf die bevorstehenden Etappen und sah zu meiner Überraschung, dass es bis Champex-Lac (1465m, KM 122; diejenigen, die dort ankommen, haben gute Chancen die ganze Strecke zu absolvieren) erst lange runter und dann nur 500hm rauf ging. Ich bat um eine zweite Tablette MCP (gegen die Übelkeit) und versicherte wahrheitsgemäß, dass es mir inzwischen wesentlich besser ging.

  60km!

nach dem letzten Aufstieg (Foto von später)

In La Fouly blieb ich eine gute Stunde, aß was ich konnte und erholte mich. Besenwagen war nicht mehr die wichtigste Bedrohung – wenn ich mich auch nur langsam bewege, werde ich dem schon entkommen. Die Pause hat gut getan – beim Start in die zweite Nacht kam sogar ein gewisses Flow-Gefühl auf. Bald lernte ich einen Schweizer (Berufs)Kollegen kennen und gemeinsam legten wir ein recht hohes Gehtempo ein und überholten so mehrere Jogger.

Obwohl glücklich über das sich ständig bessernde Selbstbefinden, hatte ich trotzdem Zweifel was die Aufstiege angeht – Grand Col Ferret hat wirklich keinen Spaß gemacht und es blieben immerhin noch 3400hm. Aber siehe da: Es ging! ICH-KAM-WIEDER-HOCH!!! Verschwunden waren die Schwäche und die absolut inadäquate Luftnot; wie aus den Bergen gewohnt ging ich Schritt für Schritt bergauf und wusste, dass man so ankommen kann. Zwar hatte ich immer noch etwas Übelkeit, musste bei Essen aufpassen und bekam zusätzlich Husten und später Schnupfen – aber das Schlimmste war vorbei. Und spätestens jetzt, nach dem Auftreten von Husten, wurde klar, war mit mir los war: Es gibt eine ganze Reihe Viren, die solche gemischte Beschwerden verursachen.

Den Bovine-Aufstieg gingen wir wie Bergsteiger an: Ruhig. Die anderen zogen erst an uns vorbei, doch nach 2/3 kehrte dieses Verhältnis um: Während immer mehr Läufer am Wegesrand „relaxen“ mussten, waren wir nicht einmal außer Atem und konnten sogar zum Schluss den Gang steigern und viele überholen. Dann ging es runter nach Trient und bald danach kam ein der schönsten Augenblicke der Tour: Ein neuer Morgen.

Das Ziel

es wird!
es wird!

Jetzt konnte nicht mehr viel schief gehen. Ganz ohne Stress ging es über Catogne (noch ein Berg) nach Vallorcine (1270m) und von dort hinauf zum Tête aux Vents. Die recht alpine Strecke nach Flègère zog sich – das Höhenprofil suggeriert hier einen netten Abstieg, in Wirklichkeit gibt es aber genug Gegenanstiege – dann war es aber fast geschafft.

letzter Versorgungspunkt

Noch ein letztes Mal „flogen“ wir den Pfad hinunter, was für mich zu einer Art Abschlussprüfung auf dem Trail wurde: Man konnte sich auf dem steinigen Pfad keine Fehler erlauben, weil sie mit Sicherheit zu Verletzungen führen würden, die Konzentration und Koordination waren jedoch noch ausreichend, um einen „wilden“ Downhill zu wagen. Erst als wir wieder auf einem Forstweg landeten und das Adrenalin des Runterrennens der Entspannung und damit der Müdigkeit wich, ging es wieder langsam trabend weiter.

Der Bekannte von mir, mit dem ich nach Chamonix kam und der den CCC gerockt hat, wartete auf mich bereits am Stadtrand. Nur noch fünf Minuten blieben uns, fünf Minuten, die einem in Erinnerung bleiben. Wir genossen die Ankunft, bedankten uns bei den Grüßenden,  lächelten und taten alles, um locker auszusehen. Und dann war es soweit: Zielgerade, letzte Schritte,  Zielbogen.

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Der UTMB hat gemischte Gefühle hinterlassen. Einerseits ist es ein großartiges Bergrennen in einer wunderschönen Gegend, hinter welchem nicht nur die Organisatoren, sondern auch die Bevölkerung der drei beteiligten Länder stehen. Andererseits erinnere ich mich besser an die Hunderte Waden und Laufschuhe vor mir als an die Landschaft, man ist immer im Pulk und nie allein unterwegs. Das erlaubt einem ein sorgloses, sportliches Vorwärtskommen, raubt aber einen Großteil der Zauber des Trails.

tolle Umgebung, die man nicht mit so vielen anderen teilen möchte

Ein ganz großes Thema für mich war natürlich das Unwohlsein. Sehr beeindruckend, wie eine leichte Infektion, die in der Stadt vielleicht sogar unbemerkt ablaufen würde, einen aus der Bahn werfen kann. Deswegen werde ich mir beim UTMB noch eine Chance geben und schauen, ob ich die Strecke dann besser aufnehmen kann.

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… 1,5h nach dem Zieleinlauf ging es bereits geduscht nach Hause. Mein Bekannter fuhr (tausend Dank!); ich stieg ein, entspannte mich – und plötzlich war die erstaunliche Frische der letzten Stunden wie weggeweht und die Augenlider bleischwer. In frühen Morgenstunden waren wir zu Hause und später als ob nichts wäre auf der Arbeit. Und nur das rote UTMB-Bändchen am Handgelenk lächelte noch verschwörerisch entgegen.

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