Ultrastrecken – F.A.Q.

Es war die Langeweile, die mich 2008 dazu brachte, 100km am Stück zu gehen oder es zumindest zu versuchen. Es war die Neugierde, die mich damals bis ans Ende der Strecke führte. Und es ist die faszinierende Erkenntnis, dass die Grenzen des „normalen“ künstlich und überwindbar sind, die mich – und viele andere – immer wieder nachts durch die Wälder jagt.

Das sind nur drei der vielen Themen, die Verwanden und Freunde der Langstreckenläufer häufig ansprechen. Hier sind diese und weitere Fragen zu den Ultrastrecken zusammengefasst (FAQ) – wenn etwas Wichtiges fehlt, sagt bitte Bescheid!

Nach 10km hat ein Ultramarathon noch nicht richtig angefangen (Foto: Dominik Poß)

Was bedeutet „Ultralauf“ bzw. „Ultramarathon“?

Unter ultralangen Strecken versteht man in Leichtathletik alle Distanzen, die länger als ein Marathon (42,195 km) sind. Genauso wie bei den anderen Strecken gibt es sowohl Straßen- bzw. Asphaltläufe als auch Landschafts- bzw. Trailläufe, wobei die letzten aufgrund des Naturerlebnisses besonders beliebt sind.

Welcher Ultramarathon ist der längste?

Da viele Veranstaltungen klein sind und unregelmäßig statt finden, ist es gar nicht so einfach zu sagen. Der 3100 Meilen lange Self-Transcendence Lauf in New-York, wobei fast zwei Monate lang (mit Pflichtpausen nachts)auf einem  883m langem Rundkurs gelaufen wird, oder der Transeuropalauf mit über 5000km und über 60 Etappen dürften, was die Länge betrifft, die extremsten Veranstaltungen sein. Eine andere Kategorie sind die Nonstop-Läufe, hier sind die Streckenlängen von über 300km, gelegentlich auch deutlich länger, nicht selten.

Welche Extreme gibt es noch?

Alle, die man sich (nicht) vorstellen kann. Gelaufen wird im Dschungel, in den Arktis und Antarktis, in den Wüsten der Welt, auf höchsten Bergen,  unter der Erde usw..

Läuft man dabei die ganze Zeit???

Es gibt Menschen, die tatsächlich in der Lage sind, eine dreistellige Kilometerzahl durchgehend zu rennen. Gerade bei Trailläufen mit Höhenunterschieden ist es aber üblich, zumindest die steileren Anstiege zu gehen; die „Normalteilnehmer“  gehen sogar alle Anstiege und oft (zum Schluss) auch flache Abschnitte.

Du sagst, du gehst mehr als du rennst. Ist es dann noch ein Lauf?

Man kann sich darüber streiten, da aber ein genauerer Begriff für gemischte Gangart nicht existiert, nennt es sich ein „Lauf“. Es geht darum, die Strecke in vorgegebener Zeit zurückzulegen – wer wann läuft, wann geht und wann pausiert ist dabei zweitrangig.

Welchen Anteil der Strecke läufst du dabei persönlich?

Ich komme aus dem Wandern, liebe das Gehen sehr und bin eine schlechte Läuferin. Bei einer 100km Strecke versuche ich alle Abstiege und solange es Spaß macht (50-80km? Je nach sonstigem Profil) auch flache Stellen zu laufen. Danach wird es ein Gemisch aus kürzeren Geh- und Laufphasen. Bergauf gehe ich nur.

Wie bereitet man sich auf so etwas vor?

Kurz gefasst – je länger die geplante Aktion, umso mehr Kilometer sollte man gesammelt haben. Ich kenne durchaus Menschen, für die 50km am Sonntag nichts Besonderes sind. Ich selbst bin diesbezüglich weniger konsequent und selten länger als 25km unterwegs. Andererseits schätze ich intensives Wandern sehr – wenn man in der Lage ist, 10h mit schwerem Rucksack  zu gehen,  schafft man es auch,  15h mit minimalem Gepäck und Gehpausen zu traben.

Isst man etwas unterwegs und wenn ja, dann was?

Alles, was man verträgt und auftreiben kann 🙂 Die Vorlieben reichen von komischen weißen Pulvern bis zu den Würstchen und Bier. Generell zeichnen sich Ultraläufer durch ihre lockere Einstellung  aus und bevorzugen in ihrer Masse normale Lebensmittel den Gels. Durch die Belastung haben jedoch viele Probleme, die Nahrung in kurzer Zeit in sich hineinzuzwingen und so entwickeln sich manche erst auf den zweiten Blick verständliche Hits wie zum Beispiel  Gummibärchen (leicht zu schlucken, brauchen nicht viel gekaut zu werden, enthalten viel Zucker) oder Chips (salzhaltig, kalorienreich, leicht zu essen). Dauerfavoriten sind aber immer Brühe/leichte Nudelsuppe (Flüssigkeit, Salz, Kohlenhydrate, warm), Bananen (Spurenelemente, Kohlenhydrate), Cola/Limo (Wasser, Zucker) und Süßigkeiten.

Und wo kriegt man das her?

Bei den allermeisten Veranstaltungen gibt es Versorgungspunkte, wo man neben Essen manchmal auch trockene Sachen hinterlegen oder nötige Hilfe bekommen kann.  Die Entfernungen zwischen den VPs können aber locker 30km und mehr betragen, deswegen hat jeder einen Rucksack mit etwas Essbarem und weiterer Pflichtausrüstung (warme und Regensachen, Lampen mit Ersatzbatterien, Erste Hilfe Set etc.)mit.

Und das Trinken?

Ist extrem wichtig, daher nehmen wir auch immer Trinkblasen oder Flaschen mit, die an den Versorgungsstationen wieder aufgefüllt werden. Bei dem letzten Lauf auf etwas über 100km Strecke trank ich trotz Novemberkühle etwa 8l leer und hatte nach der Ankunft trotzdem noch ordentlich Durst. Im Sommer steigt der Bedarf enorm und das Trinken wird zur wichtigsten Voraussetzung des Finishs.

Läuft man auch über Nacht?

Natürlich.  Viele Läufe starten sogar abends, damit man noch fit durch die Nacht kommen kann.

Hast du keine Angst im Dunkeln, besonders im Wald?

Komischerweise nicht. Obwohl ich es sonst überhaupt nicht mag und vermeide,  abends,  geschweige denn nachts,  alleine im Wald zu sein,  habe ich im Rahmen der Veranstaltungen keine Probleme , sogar  wenn ich alleine laufe und vorne und hinten große (mehrere Kilometer) Lücken sind.

Wie, du läufst nachts alleine? Ist es nicht besser, sich den anderen anzuschließen?

Es gibt immer wieder schöne Momente und Erlebnisse mit den anderen zusammen, doch ich genieße es tatsächlich, nachts alleine zu laufen. Dann finde ich leichter einen „Flow“, konzentriere mich nur auf meine Schritte, Atmung und die Wegfindung und werde sogar etwas schneller im Vergleich zum Tag. Auch habe ich im Dunkeln – im Gegensatz zum Hellen – nur ganz selten Motivationsprobleme.

Apropos Motivation. Ist es nicht langweilig, stundenlang zu laufen?

Nein, das ist es nicht! Zumindest nicht, wenn man in der Natur unterwegs ist. Mal ein Waldweg, mal ein Singletrail, mal steinig, rutschig oder steil, ab und zu Aussichten über Täler, kleine Dörfer, die man in 5 Minuten durchquert hat,  der frische Wind der Höhen, der süßliche Geruch des Holzes, Blumen am Wegesrand, immer mal wieder ein Reh, Fuchs, Vogel, Salamander, eine Maus oder Blindschleiche, die den Weg kreuzen…. Manchmal schaltet man komplett ab, manchmal drängeln sich die Gedanken im Kopf – aber langweilig wird es nie!

Kommt es also nicht vor, dass man keine Lust hat?

Und ob 🙂 Wenn man müde wird, kann selbst die schönste Natur nicht immer helfen. Deswegen sind Langstreckler wahre Motivationskünstler  – vor allem wissen sie aber, dass jedes Tief irgendwann zu Ende ist und lassen sich davon idealerweise wenig beeindrucken.

Und was, wenn man nicht mehr kann?

Nicht mehr kann oder nicht mehr will? Wenn die absolute körperliche Grenze erreicht ist, kann man nur (hoffentlich) schnell aussteigen – jedoch ist es extrem selten und dann hat man auch etwas falsch gemacht. Auf das „normale“ „nicht mehr können“  (Füße tun weh, die Muskeln sind steif, man hat Blasen, will schlafen, ist seit etlichen Stunden unterwegs im kalten Regen usw.) folgt jedoch noch ein großer, faszinierender (Reserve-)Bereich, den man sonst nie betritt und an den man sich danach noch lange erinnert. Denn 50km nach dem „ich kann nicht…“ stellt man, selbst erstaunt, fest, dass es immer noch geht!

Diese Relativität macht die Ultrastrecken aus. Man lernt sie zu nutzen und überträgt sie auch auf andere Lebensbereiche.

Aber Spaß macht es auch, oder?

Ohne Spaß keinen Fleiß! Wir liiiiiiieben die Bewegung, das Laufen, die Trails und  –  🙂   –  das Ankommen!

 Nur…. sag mal ehrlich ….. ist es nicht schlecht für die Gelenke?

Ein umstrittenes Thema. Ein Artikel in der Ärztezeitung behauptet, dass nicht, betrachtet aber nur kurzfristige Veränderungen – nicht jene nach 20 Jahren.

Wie fühlt man sich eigentlich nach so einer Gewaltstrecke von 100-200km?

Das kommt auf den Vorbereitungszustand und die Ambitionen (Geschwindigkeit) an. Direkt nach dem Ankommen ist man meistens fit. Danach altert man schnell um 50 Jahre, nach dem Ausschlafen bleibt davon nur noch die Hälfte übrig und wenn man anständig vorbereitet war, reichen wenige Stunden bis Tage um wieder bei den gewohnten 18 Lenzen einzupendeln 🙂 Aber wehe dem, der davor nicht ordentlich trainiert hat ;-)!

 Und zum Schluss: Wie wird man Ultraläufer?  Und warum bleibt man einer?

Veranstaltung aussuchen – anmelden – vorbereiten – durchziehen – wieder anmelden 🙂  Neben den ganz besonderen Momenten, die man bei jedem Lauf erlebt  und immer wieder erleben will, machen Menschen, sowohl Teilnehmer als auch Organisatoren und Helfer, diesen Sport zu etwas Besonderem. Die Ultraläufergemeinde ist offen und kontaktfreudig, man lernt viele kennen, verfolgt ihre Erfolge und Misserfolge, fiebert mit, trifft sich auf ein Eis – und davor „ein paar“ Kilometer  durch die Berge – am Wochenende und freut sich, bei den Veranstaltungen sie wieder zu sehen. Das Laufen ist auf jeder Distanz, Alters- und Leistungsstufe genial,  die Streckenlängen weit jenseits des Marathons bedeuten dazu noch eine Lebenseinstellung, die einen immer in ihrem Bann hält.

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