Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Stubai, eine Ostertour mit Fehlern

18.-20.04.2014

Ein ganzes Jahr ist schon seit dieser Tour her. Ein Jahr Zeit, um sich Gedanken darüber zu machen, was alles schief gelaufen ist, warum und wie solche Situationen in der Zukunft zu vermeiden wären. Die Fehleranalyse ist inzwischen abgeschlossen, die Konsequenzen gezogen und die Berge längst wieder unsere Verbündete und keine Bedrohung.

Fehleinschätzung, mangelnde Kommunikation, bescheidenes Wetter – eine schwierige Situation hat meistens mehrere Ursachen

Nach einer Nachtfahrt kamen wir am späten Nachmittag am Startort an. Da die Zeit bereits fortgeschritten war, ging es per Seilbahn zur Dresdner Hütte, wo wir uns nach den Verhältnissen erkundigten und ohne Eile den Aufstieg begannen. Es war bereits früher Nachmittag.

Der Aufstieg zum Peiljoch war steil und ungespurt. Wir kamen nicht ohne Mühe, aber trotzdem gut voran, nur erforderten einige steile, vereiste, durch eine dünne Pulverschneeschicht überdeckte Passagen extreme Vorsicht – hier abzusteigen wäre heikel. Auf der Scharte angelangt, waren wir uns sicher, das Schlimmste hinter uns zu haben und nun locker zur Hütte zu gelangen – zu früh gefreut.

Aufstieg zum Sattel

Vom Sattel ging es steil abwärts und auf den Gletscher, der mit einigen offenen Spalten zur Vorsicht ermahnte. Das Wetter wurde wie erwartet immer schlechter, es schneite leicht und die Sicht war mittelmäßig. Als der eigentliche Aufstieg begann, klagte eine von uns über Unwohlsein. Zuerst die Beschwerden nicht ernst genug genommen, gingen wir nur etwas langsamer – auch ein Fehler. Irgendwann fühlte sich die Betroffene richtig schlecht, der weitere Aufstieg schien aber kürzer als der Abstieg. Ihr wurde der Rucksack abgenommen, die Sachen teils umverteilt und wir setzten den Aufstieg fort.

unterwegs

Inzwischen wurde das Wetter endgültig schlecht. Der Wind trieb den Schnee durch die Gegend, ich ging voraus ohne die nächsten 5m sehen zu können und versuchte mich nur auf der beschriebenen spaltenfreien Route zu halten. Danach kam ein Freund vollbeladen mit zwei Rucksäcken, die anderen beiden waren etwas weiter hinten. Dies führte dazu, dass wir, die ersten zwei, uns immer wieder über die Lage berieten und die Route bestimmten, während die anderen zwei, unter denen derjenige, der die Tour geplant hatte, nur folgten. Hier kam es zu den ersten Differenzen.

das Wetter wurde inzwischen richtig schlecht

Als einzusehen war, dass wir die Hütte nicht auf dem angedachten Weg erreichen werden, diskutierten wir zu viert die Alternativen. Die Ideen vom denjenigen, der geplant hatte, wurden dabei mit 3 zu 1 Stimmen abgelehnt.

Es gab nur noch zwei Möglichkeiten – das Biwak und den Abstieg. Da ich nur einen Hüttenschlafsack dabei hatte und auch andere nur bedingt auf eine Nacht im Freien eingestellt waren (Fehler Nummer drei: Die Ausrüstung wurde nicht genau abgesprochen. Geplant waren nur Hüttenübernachtungen), wäre es ein Notbiwak mit unklarem Ausgang geworden. Deswegen blieb nur noch eins: Der Abstieg. Aber wohin???

Überlegungen im Schneefall

Uns blieb maximal eine Stunde Tageslicht, diejenige, die sich vorher schlecht gefühlt hatte, fror und das Wetter war schlecht. Zum Glück erinnerte ich mich an eine Ausschilderung einer anderen Hütte, noch vor dem steilen Schartenanstieg. Ob es dort einen Winterraum gibt, wussten wir nicht.

Schon lange im Dunkeln, fanden wir die Hütte und nach mehreren erfolglosen Umrundungen rief unser „Planer“, dass er einen offenen Winterraum entdeckte. Gerettet…

Der Abend nach dem Abenteuer verlief entspannt bei Käsefondue und irgendwann fielen wir erschöpft auf die Matratzen.

Am Morgen schneite es immer noch. Bis wir aus den Federn kamen, war es längst hell, die Verhältnisse waren aber sowieso zu schlecht für eine Bergtour und wir wollten nur absteigen. Also packten wir zusammen und wanderten talwärts.

Bereits hinter der Hütte begann eine Steilstufe und bei viel Neuschnee wurde es unangenehm bis stellenweise heikel. Mehrere Stunden dauerte der Kampf, dann kamen wir gar nicht mehr weiter (zu steil für die Verhältnisse). Es gab Ideen, die jedoch nicht von allen unterstützt wurden, es kam zum Streit. Eine Person blockte alles ab, was zwei andere vorschlugen, die vierte hielt sich zurück. Wir drehten um.

Der Streit wurde immer emotionaler. Es stand drei gegen eins, beide Seiten schließen den Lösungsvorschlag der/des anderen aus. Es war eine Sackgasse; im Endeffekt ging eine Person ihren eigenen, für die anderen inakzeptablen weil (lawinen)gefährlichen Weg. Sogar übernachtet wurde an verschiedenen Orten (es fand sich noch ein Schuppen weiter unten).

In der Nacht machten sich vermutlich alle Gedanken. Die Lage war unangenehm: Uns ging es gut, aber wir kamen nicht runter. Und wir waren kein Team mehr.
Für die drei löste sich die Situation einfach auf: Bei gefrorenem Schnee am frühen Morgen sind einheimische Skitourengeher aufgestiegen und damit die heikelsten Stellen entschärft („wie ist der Weg?“ „sportlich“). Der Abstieg war spannend, aber großgenommen unproblematisch.

in der Spur der Skiläufer

Die vierte Person kam am späten Nachmittag mit einigem an Glück (dieselben Tourengeher fuhren kurz davor über die Route ab und lösten dabei zwei Lawinen aus) ebenfalls unversehrt runter.

der Schlüssel-Hang bevor er befahren wurde

Damit endeten beide „Krisen“ zwar ohne einen Hubschraubereinsatz, warfen aber schwere Fragen auf. Was haben wir alle falsch gemacht, dass wir im schlechten Wetter auf einem Gletscher auf über 3000m kurz vor Dunkelheit feststeckten? Und, vor allem, wie kann das sein, dass jahrelang „getestete“ Tourenpartner plötzlich unberechenbar werden und jegliche konstruktive Diskussion ablehnen?
Zurück zu Hause, dachte jeder von uns darüber nach. Über die Gruppendynamik, die gefährlich sein kann. Über die Routine, die einschleicht und Risiken birgt. Über die Planung und Kommunikation vor der Tour und die adäquate Einschätzung vor Ort. Noch viel wichtiger finde ich aber den menschlichen Faktor. Unter Stress verändern wir uns, reagieren unter Umständen irrational, trauen den engsten Partnern nicht mehr.

In diesem Zusammenhang – aber nicht auf diese konkrete Tour und die Menschen bezogen – überlegte ich auch, was für mich am Wichtigsten an denjenigen ist, mit denen ich auf Tour gehe. Bei einfachen Wanderungen sind es zweifelsohne die Umgängigkeit und der Spass an dem, was wir tun. Bei anspruchsvolleren Unternehmungen ist es jedoch vor allem die Voraussehbarkeit. Denn jede Überraschung seitens der Partner in einer Stresssituation kann fatale Folgen haben. Man muss die anderen sowohl physisch als auch psychisch einschätzen können und persönlich mir ist es lieber zu wissen, dass bei jemandem die Grenze eher erreicht ist als auf sie/ihn zu zählen und im entscheidenden Augenblick es anders zu erleben. Und das allerwichtigste von allem: Egal wie mies die Lage ist, darüber zu sprechen sollte immer funktionieren.
Inzwischen können wir auf viele andere Touren und auch einige angespannte Situationen zurückblicken. Beide beinahe-Notlagen auf dieser Ostertour bleiben aber in Erinnerung und werden in der Form hoffentlich nie wieder vorkommen.

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