Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Die Angst

Abends im Bett zu liegen und sich über den kommenden Tag Gedanken zu machen. Mitten in einer exponierten Stelle plötzlich der Panik nah zu sein. Bei schlechter Sicherung (oder gar ohne) zu merken, wie ein Fuß rutscht. Und dann noch diese Force majeure-Situationen…

Das Angstgefühl ist jedem bekannt, als Berggeher muss man sich jedoch näher damit auseinandersetzen. Der Weg des geringsten Widerstands – das Ausweichen – funktioniert in den Bergen nicht und im Fall eines Problems ist man nicht nur diesem, sondern auch sich selbst  gestellt. Dabei ist das Wissen, wie man in Extremsituationen tickt, zwar wichtig und spannend, aber nur die Spitze des Eisbergs. Die breite Basis bilden alltägliche Herausforderungen und damit verbundene Emotionen und Konsequenzen.

Was ist objektiv gefährlich, was fühlt sich nur so an?  Wir sind im Schlechtwetter mitten auf einem Gletscher,  eine Stunde vor Sonnenuntergang, ohne GPS und ohne Biwakausrüstung und finden die angepeilte Schutzhütte nicht. Ein Moment, in dem klares Denken unbezahlbar ist.

Zu Beginn war ich absolut sorglos unterwegs. Ich hätte jedem, der von seiner Unruhe vor oder während einer Tour erzählt, falsche Zielwahl und Überforderung bescheinigt. Ich ging nie an meine Grenzen, genoss die Vanilla-Seite des Bergwanderns und hatte keinen Anlass, über die Angst nachzudenken. Langsam ging es immer weiter und höher. Spätestens mit dem Beginn des Kletterns nahm auch die psychische Komponente zu und eröffnete für mich nicht nur eine mögliche Störungsquelle, sondern (und vor allem) eine Tür zur faszinierenden Welt des eigenen Ichs.

Meine erste etwas spannendere Tour: SO-Flanke der Wildspitze. Noch nie etwas dermaßen brüchiges angefasst, fühlte ich mich im Aufstieg nicht wirklich wohl

Man liest immer wieder davon, dass Bergsteiger aller Levels (aber z.B. auch Marathonläufer und andere Sportler) am Abend vor dem Tag X aufgeregt und auch ängstlich sind. Ist man der Route gewachsen? Wie anstrengend wird es? Wird etwas – kalte Finger oder Zehen, Oberschenkel beim Steigen, Waden beim Eisklettern – wehtun? Als wie hoch entpuppt sich das Risiko (Stein-/Eisschlag, Ausgesetztheit, Sicherungsmöglichkeiten usw.)?

Bei mir haben sich diese Bedenken ganz langsam eingeschlichen und ich lasse sie einfach zu. Liege abends eine Viertelstunde lang mit geschlossenen Augen wach, gehe den kommenden Tag in Gedanken durch, schätze objektive Gefahren und Schlüsselstellen ein und überlege, wie wichtig mir das Erreichen des Ziels ist – und wie hoch der Preis seines Erreichens sein darf. Dann wird geschlafen und am Morgen ist es wie schon früher bei den Wettkämpfen: Am Schlimmsten ist es, am Start zu stehen. Fällt jedoch der Startschuss – man geht, steigt oder klettert los – gibt es nur ein angenehmes, vertrautes, subjektiv absolut sicheres Hier und Jetzt.

Eisgeräte in den Händen, Steigeisen fest im Eis – trotz fehlender Sicherung fühlten wir uns in dieser Passage sicher. Eine Woche später stürzt hier ein Bekannter und verletzt sich.

Subjektive Gefahr

Ein Hier und Jetzt.…bis ich zwei Meter über eine Gratschneide gehen muss und fast gelähmt bin. Ich hasse die Ausgesetztheit! Soll ich mich zwingen, „die Augen zu und durch“? Oder in der Komfortzone bleiben, sprich zurückgehen oder mich gar an der Stelle retten lassen?

Die erste Möglichkeit ist keine sehr gute. Es ist eine feige, allerdings einfache und wirksame Methode für die nächsten Schritte etwas mehr Sicherheit zu gewinnen. Man verdrängt die Angst und die möglichen Sturzfolgen und bewegt sich zielgerichtet und sicher. Ich würde diese Situation mit dem kurzen Seil eines Bergführers vergleichen – objektiv gesehen gibt es nur einen Hauch der zusätzlichen Sicherheit, durch die psychologische Hilfe wird diese aber deutlich gesteigert.

Eine Aussicht, die nicht jedem taugt. Wir haben sie (diesmal unbewusst) verdrängt und fühlen uns pudelwohl. Stüdlgrat, Großglockner (Foto: Monika Voigt)

Die zweite Möglichkeit – in der Komfortzone zu bleiben – ist in der Regel keine sinnvolle. Nicht die Angst hat zu entscheiden, was ich tue und was lasse, sondern der Verstand. „Ey du, durchatmen. Luft holen, sage ich dir! Und jetzt –  gehen. Einen Fuß hoch – sauber aufsetzen – aufpassen – anderen Fuß hoch. Ruhig bleiben! Sauber treten!“

Schmal, aber  gut  zu gehen: Liskamm-Überschreitung  (Foto: Michael B.)

Jeder Grat und jeder Abstieg ist für mich zu Beginn eine Herausforderung. Doch mit jeder Minute gewöhnt man sich immer mehr an den Blick nach unten und spaziert irgendwann 50° steile Flanken frontal hinab. Und wenn man sich dann doch unwohl fühlt, ist meiner Meinung nach nur die Deeskalation eine Lösung  (und ich ganz sicher nicht zu stolz dafür): Einen Grat rittlings entlangrutschen. Mit dem Gesicht zum Hang abklettern. Sichern!

Objektive Gefahr

DONNERWETTER – wie haben wir das beim Kommen verpasst? Bald wird es drumherum blitzen; die Angst wäre verständlich, hilft hier aber nicht weiter

Und was, wenn die Angst nun wirklich gerechtfertigt ist? Wenn man sich verschätzt oder verstiegen hat? Der einzige Griff wackelt, das Eisgerät rutscht durch, die Schneedecke reißt ein, der Steinschlag donnert direkt über einem?

Unter anderem diesen frischen Einschlag  entdeckten wir im Abstieg, nachdem wir im Aufstieg hier vom Steinschlag erwischt und gerannt sind

Dann spürt man vieles, nur keine klassische Angst. Und schon gar keine Panik. Die Gedanken werden klar wie nie, die Konzentration vollkommen. Der Körper agiert schnell und präzise. Adrenalin überblendet unnötige Reize und Funktionen, alles richtet sich auf das Überleben. Und erst, wenn die Gefahr vorüber ist, fürchtet man sich.

Solche Situationen zeigen einem, wie relativ und manchmal auch trügerisch das Angstempfinden ist. Ist es einem bewusst, neigt man viel eher dazu, dieses Gefühl zu verharmlosen, beiseite zu schieben, zu ignorieren. Habe ich nicht gerade selbst geschrieben, dass man (ich?) in wirklich heiklen Lagen eher ruhig und konzentriert bin? Allerdings wäre gerade das kontraproduktiv.

Glück gehabt – noch vor dem richtigen Einstieg in die Kletterei vom Schneerutsch runtergespült und im flacheren Gelände sanft abgelegt

Das Bauchgefühl

Erst vor kurzer Zeit schauten wir uns bei bestem Wetter unsere geplante Traumtour an. Wir waren fit und gut ausgerüstet, das Team passte super zusammen, die Route war anspruchsvoll, bot aber zumindest im unteren Bereich keine besonderen Schwierigkeiten und gute Rückzugsmöglichkeiten an. Doch etwas in mir sträubte sich dagegen. Obwohl es für die Gruppe mehr als ungünstig gewesen wäre, fühlte sich bereits der Gedanke, zum Einstieg zu gehen, richtig unangenehm an.

Zum Glück entschied es das Wetter für mich – es zog zu. Dennoch hatte ich für mich bereits beschlossen, nicht in die Route einsteigen zu wollen. Das Bauchgefühl gehört für mich zu zwar unerklärlichen, aber definitiv indiskutablen Gründen, eine Kopfentscheidung zu revidieren und etwas nicht zu machen, selbst wenn sonst alles dafür spricht.

Die Erfahrung

Man sagt, die Angst sei überlebensnotwendig. Doch nicht allein die Angst vor dem Feuer schützt vor Verbrennungen, sondern das Verständnis, wie man mit dem Feuer umgeht, sodass es zu keinen Verbrennungen kommt. So auch in den Bergen: Ist die rote Flagge der Angst gehisst, so entscheidet immer noch der Mensch, ob die Brandung eine gefährliche Leichtsinnigkeit oder ein gut beherrschtes Element bedeutet.

Deswegen gilt es für mich, jede besondere Situation zu reflektieren. Nicht darin hängen zu bleiben, nicht sich ein Trauma oder eine Ausrede auszudenken, sondern ehrlich zu sich selbst sein und einschätzen, wie weit – zu weit? – man gegangen ist, ob die Risikoeinschätzung richtig war und ob man beim nächsten Mal anders gehandelt haben möchte.

Lukas ungesichert mitten in einer leicht überschneiten, teilweise aperen Gletscherflanke. Was für ihn Spaß und vertretbar, war für mich im Nachhinein betrachtet nicht optimal – nächstes Mal entweder geübter oder gesichert.

Fazit

Die Angst ist ein faszinierendes Gefühl. Manchmal ist sie unangenehm und lähmend, manchmal spannend und ein willkommener Teil des Abenteuers. Sie verändert sich mit der Zeit, kann wachsen und schrumpfen, nachvollziehbarer oder mysteriöser (Bauchgefühl) werden. Jedes Mal unterschiedlich erlebt, bereichert sie jedes Bergsteigerleben und begleitet uns wie ein noch etwas naiver, aber stets dazu lernender Schutzengel durch die Jahre hinweg.

Ich mag meine Angst. Wir sind befreundet und diskutieren und streiten uns immer wieder. Sie sagt, ich kann keine Grate… und ich gebe ihr Recht und gehe trotzdem hin.

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