Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Svaneti – Bergsteigen im georgischen Kaukasus

01.07.-22.07.2018

Das sagenumwobene Swanetien. Wildes, schönes Land, wo die Menschen nicht weniger stolz sind als die schneebedeckten Bergspitzen. Wo Gastfreundschaft, Respekt und Ehre seit jeher großgeschrieben werden. Und wo die berühmt-berüchtigte Ushba ihr Unwesen treibt und Bergsteiger anlockt.

Georgien hat für mich einen persönlichen Bezug. Zum einen stamme ich aus dem europäischen Osten und dieses Land war uns, Ukrainern, schon immer sympathisch. Allein schon der Akzent der Georgier im Russischen ist beliebt und der Gegenstand etlicher (nie böser!) Witze. Und von der georgischen Küche kann man sowieso nicht anders sprechen, als davon zu schwärmen. Zum anderen lernte meine Mutter dort das Bergsteigen und legte es mir ohne es zu wollen in die Wiege – dank all den Dias, Büchern und Liedern, die wir zu Hause hatten.

„Adzharian khachapuri“

Deswegen, aber auch weil ich seit über 10 Jahren kein ex-sowjetisches Land mehr besuchte, freute ich mich auf die Reise fast noch mehr als auf die Berge selbst. Doch natürlich wollte ich auch den in der russischen Sprache in unzähligen Gedichten und Liedern besungenen Kaukasus endlich mit eigenen Augen sehen.

Der Pilot brach den bereits angesetzten Landeanflug ab und zog steil hinauf. Erst mehrere Minuten später folgte der Kommentar: Wir sollen warten. Nach einer Runde um das Flughafengelände durften wir landen. Das Gepäck kam vollständig und unbeschädigt – bei mehreren Zwischenfällen in den letzten Jahren bin ich dafür inzwischen sehr dankbar. Wir stiegen schnell und ohne Probleme in den Stadtbus um und tuckelten fast eine Stunde durch die Vororte zum Hauptbahnhof – für umgerechnet 30 Cent.

Die Aufgabe am Bahnhof war es, das Gepäck bis zur Weiterfahrt per Zug loszuwerden; die Zugtickets selbst haben wir bereits von Deutschland aus gebucht. Hier wurde ich zum ersten Mal in die „Heimat“ geholt: Die Gepäckaufbewahrung befindet sich in einem scheunenartigen Nebengebäude etwas seitlich (links) am 1. Gleis und wird von einem Wärter betreut. Er stellte uns auch eine Quittung aus; der Preis ist mit mehreren Euro pro Gepäckstück ok, aber nicht günstig.

Nun ging es auf die Beschaffungstour: Gas und Essen brauchten wir noch. Ich kontaktierte bereits im Vorfeld via Facebook einen Outdoorladen in Tiflis (Magellan Georgia, Mitskevichi Street 68) und sie versicherten mir, gerade mehrere Kisten Schraubkartuschen aller Varianten erhalten zu haben. Im Nachhinein wäre es nicht nötig gewesen: Braucht man nur einige Kartuschen, bekommt man sie auch vor Ort in Mestia.

Es ist möglich, sich in der Stadt ein Taxi zu nehmen und sich überallhin fahren zu lassen. Ich bevorzuge jedoch (nicht nur im Osten) das Eintauchen in das einheimische Leben, so stiegen wir erneut in einen Stadtbus ein. Da wir noch keine aufladbaren Fahrkarten hatten, mussten wir bar bezahlen und verzweifelten an dem Zahl“kasten“. Letztendlich erklärte man uns, wie der Automat funktioniert und dass wir Kleingeld brauchen – ganze 0,5 Lari pro Person, umgerechnet 16 Cent.

Man sollte übrigens die Russischkenntnisse der Georgier nicht überschätzen – zwar sprechen die meisten Älteren recht gut, bereits unter 40-50jährigen verstehen viele jedoch kaum etwas. Und bei der georgischen Sprache samt ihrer wunderschönen Schrift ist man vollkommen aufgeschmissen. Das Englische ist in den Touristenregionen und unter Jüngeren relativ verbreitet, insgesamt hatte ich das Gefühl gleich viel auf Russisch und Englisch erledigt zu haben – allerdings bei verschiedenen Generationen.

Puh…

Zurück auf dem Hauptbahnhof, quartierten wir uns im obersten Stock in einer geräumigen Kantine ein. Der Grund dafür waren die +38°C im Schatten bzw. die gute Klimaanlage im Café. Das Essen war ok und nicht zu teuer, aber auch nicht mit den Lokalen in Mestia vergleichbar. Und als Nachtisch gab es schon mal das leckere Obst, an dem ich in der Stadt nicht vorbei gehen konnte…

Verlässt man den Bahnhof nach „hinten“, zum Überlandbusbahnhof hin und biegt nach rechts ab, so kommt man in 5-10 Minuten zu einem großen Supermarkt. Dort lohnt es sich für die Touren einzudecken; in Mestia hat es zwar jede Menge und teilweise gut bestückte Tante Emma Läden, so eine Auswahl auf einem Fleck sucht man dort aber vergeblich. Auch bekamen wir dort riesige Portionen an frisch zubereitetem Pfannkuchen mit Schokolade und Obst – die kulinarische Reise begann!

Die Auswahl an Nüssen und Trockenobst lässt keine Wünsche offen

Und endlich ist es Abend. Um 22 Uhr war es immer noch unerträglich heiß, in einem, den gesamten Tag am ungeschützten Abstellgleis verbrachten, Zug sowieso. Wir entschieden uns für einen Nachtzug älterer Art – es gibt nur Liegewagen, man bekommt Bettwäsche und kann bei rhythmischen Geräuschen der Fahrt gut schlafen. Die modernen Sitzzüge fahren schneller, aber entweder tagsüber oder so, dass man die halbe Nacht irgendwo verbringen muss. Für die Tickets in der zweitbesten (von drei) Klasse haben wir etwa 8 Euro bezahlt plus einige wenige Euro fürs Übergepäck, die wir direkt beim Schaffner entrichteten und trotz anfänglicher Skepsis bezüglich des Aufpreises auch dafür eine offizielle Quittung ausgestellt bekamen.

unser Zugabteil – an sich durchaus gemütlich

Nun blieb nur noch die fehlende Klimaanlage. Es fühlte sich an wie ein schlechter Witz, man dachte, es keine Vierstunde lang aushalten zu können. Männer standen oberkörperfrei an den Fenstern, der Schweiß tropfte runter. Die Georgier litten und fluchten nicht weniger als wir – es schien doch nicht die Regel zu sein. Während der Fahrt lief die Klimaanlage an, schaffte es aber trotzdem nicht, den Wagen auf eine akzeptable Temperatur runterzukühlen. An den teilweise langen Halten ging sie aus und es wurde erneut schlicht unerträglich… Die Bettwäsche wurde diesem Zug ausnahmsweise mal „nicht ausgehändigt“, was uns bei der herrschenden Temperatur aber nicht weiter störte.

Gegen 6 Uhr morgens wurden wir vom Zugbegleiter geweckt. Ein letztes Mal darf man aufs WC und Zähneputzen, bevor die Toiletten wie üblich noch weit außerhalb der Ortschaft verschlossen werden (auf freier Strecke entleern sie sich direkt auf die Gleise). Zugdidi, die Endstation. Ein trostloser, heruntergekommener Bahnhof im Morgengrauen, etliche Minibusse, die auf Reisende warteten und kurz darauf zumeist nach Mestia abfahren. Hier bekam ich eine erste Lektion in Sachen „Georgien“ –  die Jungs haben es zuerst nicht einmal bemerkt.

Ich ging los, um uns die Weiterfahrt zu organisieren. Sprach mit einem der Fahrer, fragte nach dem Preis. Er schien ausgebucht zu sein und zeigte mir einen anderen Fahrer, der mich daraufhin aus der Ferne begrüßte. Ich ging die Sachen und die anderen holen. Als wir wieder da waren, sah ich diesen gezeigten Fahrer nicht mehr und wurde sofort von jemand anderem angeworben. „Freier Markt“, dachte ich, und sagte zu, mit ihm zu fahren – die Preise waren alle gleich (20 Lari, etwa 7 Euro). Im selben Augenblick sah ich Murab, der mir zuvor gezeigt wurde, wieder – gekränkt und aufgebracht. Die Sachen noch nicht verladen, entschuldigte ich mich intuitiv bei diesem anderen Fahrer und steuerte Murab an – gut so. Es kam zu einem Wortwechsel auf Georgisch, welcher sich alles andere als nett anhörte, doch damit war die Frage geklärt und wir bei dem Richtigen gelandet. Und ich daran erinnert, wo ich mich befinde – selbst ein Handzeichen reichte zuvor als ein Versprechen aus und diese müssen (!) eingehalten werden, sonst ist es eine Beleidigung.

Murab wird uns als Fahrer fast die gesamte Reise begleiten. Er wird uns noch vieles zeigen, erzählen und lehren, aber dazu später mehr. Zuerst sitzen wir mit einigen Mädels aus Tschechien in seinem Neunsitzer und fahren zügig, aber sicher nach Mestia.

Mestia ist ein 2Tsd Einwohner Ort und die Hauptstadt der historischen Region Swanetien. Die Fahrt von Zugdidi dauert 3,5 Stunden, wobei in der Mitte an einem kleinen Esslokal eine Pause eingelegt wird. Man fährt entlang eines Flusses und schon hier waren wir von seiner reißenden Strömung beeindruckt. Noch nie habe ich eine solche Wassergewalt gesehen, nicht einmal  in Patagonien. Die Straße ist inzwischen recht gut, das Meiste wurde unter dem Präsidenten Michail Saakaschwili fertig gestellt, der Rest wird Millimeter um Millimeter jetzt gemacht. In der Ortschaft wurden wir zu unserem von Deutschland aus gebuchten Gasthaus gebracht und herzlich verabschiedet.

Mestia

Das „Guesthouse with pine trees“ verfügt über nur vier Zimmer, davon zwei zusammen gelegen. Die Gastgeberin betreibt außer der Gästezimmer noch einen kleinen Laden im Erdgeschoss und ist somit immer verfügbar. Unglaublich zuvorkommend und nett, wird sie jeden unserer Aufenthalte dort zu einem kleinen Highlight werden lassen, auch wenn unser spontanes Kommen und Gehen für sie eine Herausforderung war. Es gibt zwar jede Menge Unterkünfte in Mestia, sie sind im Sommer wie Winter (Skiort) gut ausgebucht. Wir waren mit unseren geräumigen, sauberen Zimmern, der Dusche mit der Waschmaschine und der Gemeinschaftsküche hoch zufrieden.