Zeltgespenst

…ist unterwegs!

La Ruta de los Pioneros

Nach fünf Tagen im Hochgebirge (Beschreibung kommt auch – war zu erlebnisreich!) stiegen wir zurück zum Fundo San Lorenzo, einer Art Farm am Fuss des Berges, ab. Señora Lucy wartete schon mit aufgeheiztem Waschhaus( vor uns kamen die anderen drei vom Berg an) – den Luxus einer gefliesten (!), sauberen und warmen (!!!) Dusche kann man hier, vor dem majestätischen San Lorenzo-Massiv kaum überschätzen! Wir zelteten auf dem Gelände (offizieller Zeltplatz) und warteten auf den Wagen, der am nächsten Tag kommen, die Brasilianer mit ihrem Equipment ausfahren und uns 30km lang mitnehmen konnte.
Obwohl wundervoll gelegen und ein exzellenter Stützpunkt für viele Aktivitäten, sind Fundo San Lorenzo und die Familie Soto kaum bekannt. Wir sind darum gebeten worden, über unsere Zeit dort weiter zu erzählen, was ich sehr gern tue. Die Gastfreundschaft der Familie, Kompetenz in Outdoorfragen, Authentizität sowie die Schönheit des Ortes sind auf jeden Fall einen (oder mehreren) Besuch wert!

Nach einer 1,5h Fahrt auf der Ladefläche des Pickups wurden wir an der Abzweigung Cochrane-Lago Brown rausgelassen und standen zuerst etwas verloren vor unseren schweren Rucksäcken: Alles, was wir für die vier Monate dabei hatten war drin, inklusive Seil und andere Hochtourenausrüstung, Stadtbekleidung und -schuhen, Strandsachen usw. usf., plus natürlich Essen für etwa 10 Tage. Tja, dann mal los…

Von der Ruta de los Pioneros hatten wir eine Beschreibung aus dem Jahr 2009 – mehr davon gibt es nicht. Ein Track, auf einen DinA4-Ausdruck aus Google Earth aufgemalt, sollte grob die Täler zeigen. Einige GPS-Waypoints auf einer einfachen (keine Flüsse/Seen) Handykarte gab es auch – das war es. Ja, richtig, keine Papierkarte – die gibt es einfach nicht.

Über im Vergleich zur Beschreibung von vor 6 Jahren deutlich weiter gebaute Schotterstrasse ging es los. Nach ca. vier frustrierenden und anstrengenden Stunden war der Schotterweg endlich hinter uns und es ging auf einem noch breiten, aber offensichtlich lange nicht mehr begangenen Pfad weiter. Wir haben es geschafft, wir sind auf der Ruta!

Das Lager am Fluss, den wir als ersten queren sollten, war idyllisch und das Waten unproblematisch. Wie oft wir am nächsten Tag jedoch die Schuhe ausziehen mussten, um durch den meandernden Fluss zu kommen, kann man gar nicht zählen. Der Pfad verwandelte sich in eine matschige, frisch „markierte“ Kuhspur und irgendwann standen wir auf der ersten Weidefläche der Tour: Sumpf, Gestrüpp, tausend Spuren, aber keine richtige. Hier begann das, was wir später noch oft machen werden: Rucksäck ablegen und den ganzen Hang/ das ganze Tal nach einem begehbaren Pfad absuchen. Am zweiten Tag verbrachten wir damit ungelogen 4 Stunden und fanden die weitere Ruta komplett zugewachsen und unter Wasser stehend. 300m weiter wurde es etwas besser…
Im Wald, den wir jetzt wieder betraten, gab es keinen Weg. Nur manchmal deuteten Pferdeäpfel oder abgebrochene Äste darauf, dass wir dort nicht die ersten waren. Auch diese Zeichen werden uns noch häufig helfen.

Nach einigem an Auf und Ab (sowohl gehend als auch mit der Motivation) kamen wir am 3. Tag zur ersten Schlüsselstelle – dem 30-40m tief eingeschnittenen Flussabschnitt, der überquert werden musste. Oben liegen uralte Schaufel und Pickel, um die Passage (für die Pferde!) evtl. zu erleichtern – Menschenzeichen mitten im nirgendwo! Wir nutzten das sowieso mitgeführte Seil, indem die eine Person abgelassen wurde und die andere zu Fuß abstieg. Über den Fluss, der schnell und kaum einschätzbar, aber im Endeffekt nur etwas übers Knie tief war, ging es andersherum – nun wollte ich gesichert werden.
Es waren noch viele Flüsse (bis zu den Hüften tief), zwei Pässe, jede Menge Baumstämme zum drüber klettern und drunter kriechen, Gestrüpp zum Durchkämpfen und Matsch zum „Durchwaten“. Eines Tages querten wir den Rio Alegre auf vom Menschen gelegten, aber extrem wackligen Baumstämmen und gelangten so zum Haus des Señor Heraldo Real, der seit 14 Jahren dort allein in der Wildnis lebt. Kurt danach ritt der Hausherr ein: Von den Jahren (ca. 70) und seinem besonderen Leben gezeichneter Mann in ehemals hellen, nun aber fast schwarzen Kleidern. Er lud uns direkt ins Haus ein und bereitete mit geübten Bewegungen die für die Gegend typische frittierte Brötchen zu.
Da auf diesen Böden nicht einmal Kartoffeln wachsen, stellen Brot und Fleisch einen sehr großen Teil der Ernährung dar.
Bei Gesprächen verging die Zeit schnell. Don Heraldo zeigte uns Artikel über ihn in Patagonia- Magazin und erzählte über die Gegend und sein Leben, wir staunten immer wieder und stellten viele Fragen.
Als es auf den Abend zu ging, erkundeten wir uns nach dem weiteren Weg – bis zum Ausstieg sollten es noch 2-3 Tage sein. Don Heraldo meinte, wir könnten auch durch ein anderes Tal aussteigen, das kürzer ist und direkt hinter dem Haus beginnt. Er selbst reitet die Strecke drei Mal im Jahr in nur einem Tag. Wir nahmen die Idee an, ließen alles an Lebensmitteln, was wir entbehren konnten, im Haus und liefen noch abends los.
Aber wir haben es bereut. Zuerst haben wir den Pfad noch gefunden. Nach einem kurzen Abschnitt, der bestens zu sehen war, ging dieser in eine Kuhspur über – und dann löste sich auch diese auf. Querfeldein durch dichten Wald, Hänge und Gestrüpp suchten wir nach etwas Passierbaren – und fanden irgendwann auf der nächsten Hügelkette eine Spur. Diese ging in die richtige Richtung und war halbwegs gut zu verfolgen, jedoch komplett zugewachsen mit über menschenhohem Dornenbusch und zusätzlich sehr sümpfig.
Meter für Meter ging es dadurch, wir fluchten und wussten immer wieder nicht weiter, besonders als in den Feuchtgeboeten sogar dieser Leitfaden verschwand und wir erneut alles absuchen mussten. Nach 2,5 Tagen (geplant nur einer) und einer abschließenden Partie querfeldein betraten wir endlich die Carretera Austral – selbst die unbeliebten Haferflocken waren gerade aufgebraucht. Und wie ich schon schrieb, dauerte es mit der Ankunft in Villa O’Higgins noch – Die Carretera Austral ist zwar ein eindeutiges Zivilisationsbeweis, verläuft aber genauso wie unser Weg durch die Wildnis…
La Ruta de los Pioneros ist ein besonderer Wanderweg. Touristen kommen dort nicht jedes Jahr vorbei – und wenn, dann hauptsächlich per Pferd und mit Guide. Je nach Verhältnissen (bei uns waren sie ideal!) sind die Flüssquerungen nicht ohne und der Weg nicht zu finden. Aber besonders der höher gelegene Abschnitt ist es wert, durchwandert zu werden.
Später haben wir erfahren, dass es Pläne gibt, den Weg, insbesondere unsere Variante durch das Tal des Rio Bravo, besser passierbar zu machen. Ob es tatsächlich geschehen wird, kann ich nicht wissen, in dem Zustand wie jetzt ist er aber nicht unbedingt zu empfehlen.

Eine genaue Beschreibung mit Fotos wird nach der Rückkehr im Mai zusammengestellt.

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