Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Kvanndalstinden

 „Sollen wir dieses Kvanndingbums versuchen?“ – fragte vorsichtig Sebastian, nachdem meine Laune über die 1000hm Schutt (für 400hm Kraxeln) auf der letzten Tour ausgeschlafen war. „Gern! Und dann vielleicht noch das Romsdalshorn“ – träumte die übermotivierte ich beim fünf-Sterne-Frühstück gegen Mittag. Das Wetter war fantastisch: Seit mehreren Tagen sonnig und trocken. *Das* norwegische Bergsteigertal Venjedalen war gut bevölkert, der Tourenführer versprach aber eine einsame Tour und eine besondere Aussicht – was will man mehr?

Erster Blick zum Grat, der uns erwartet. Rechts der Gipfel (1744m)

Nur ob ich es uns antun will? Mit jedem Tag der Schwangerschaft werde ich unfitter, komme kaum hoch, habe ein größeres Sicherheitsbedürfnis. Zwar genieße ich es nach wie vor, zu klettern, die Zustiege sind aber ein Graus. Und die Tour wird mit 10-14h angegeben. Kann es funktionieren?

Wir kamen hierher, um bergzusteigen. Da die Alpen für mich (5. SSW-Monat) nun zu hoch wurden – über 2500m sollten Schwangere laut Empfehlungen nicht steigen und auch käme ich von allein wohl nicht viel höher – entschieden wir uns spontan, unser Glück in Norwegen zu versuchen. Also wollen wir es doch noch einmal ausprobieren mit kleineren, aber durchaus „richtigen“ Bergen. Der Parkplatz liegt für norwegische Verhältnisse recht hoch (gute 600m ü.M.), der Höhenunterschied kann also nicht so groß sein – dachte ich. Dass wir letztendlich durch einen Verhauer und kleinere Gegenanstiege doch noch auf 1800hm und 16h kommen, war so nicht geplant… Ebenso wenig geplant war bei der Abreise allerdings auch, dass Sebastian die gesamte Ausrüstung trägt. Dafür war ich ihm nun aber dankbar und ahnte noch nicht, dass er noch etwas ganz Großes vorhat und dieser Gipfel als Startpunkt unserer Familiengeschichte in die Erinnerungen eingehen wird…

Die beeindruckende Trollwand vom Venjedalen aus gesehen

Insgesamt ist die Tour, besonders der Grat und der Gipfelbereich, durchaus lohnend. Der Fels ist gut kletterbar, die Aussicht wunderschön. Der Gletscher ist zwar insgesamt wenig interessant, gibt dem Zustieg aber einen Hochtourentouch und „filtert“ viele reine Kraxler raus, sodass die Tour relativ einsam ist. Uns hat die Tour insgesamt besser gefallen als der beliebtere Venjetinden und wird sicher ein Highlight bleiben.

Nun, was ist das für ein „Kvanndingsbums“?

Kvanndalstinden (1744m) in der Region Romsdal/Norwegen ist ein gut versteckter Gipfel zwischen dem Kvanndalen (von hier geht die alte Normalroute über den Nordgrat, II°) und Venjedalen, von wo er heute, nach dem Bau der Straße bis hoch ins Tal, meist bestiegen wird. Dennoch ist die Tour lang und man trifft nur einen Bruchteil der Menschen im Vergleich zum Venjetinden oder gar „Kletterpilgerberg“ Romsdalshorn hier. Die Tour gilt nach wie vor als Geheimtipp und ist abwechslungsreich und schön.

Anfahrt

Die meisten werden über Åndalsnes anreisen und hier lohnt sich ein Stop im Alpincenter. Auf nette Nachfrage wird man vielleicht das Ansichtsexemplar des Buches „Klatring in Romsdal“ anschauen und abfotografieren dürfen, welches sonst vergriffen ist. Zudem ist hier die letzte Möglichkeit zum Tanken und mehrere große Supermärkte. Weiter geht es über Isfjord (auch ein Supermarkt) ins Venjedalen (Mautstraße, Kartenzahlung). Geparkt wird am obersten Parkplatz im Venjedalen, wo auch die Romsdalshorn-Anwärter starten. Hier hat es genügend Platz selbst für Wochenendverhältnisse. Der Pfad beginnt wenige Meter unterhalb des Parkplatzes.

Zustieg

Den Pfad zum Romsdalshorn verlässt man bereits am ersten See, wo ein Abzweig nach links führt. Hier steigt man in steilen Serpentinen zu einer nassen Felsstufe auf, überwindet diese (auf die Markierungen (einige rote Punkte und Steinmänner) achten, dann einfach, sonst u.U. heikel) und quert flach nach links zum Sattel vor dem Olafskarvatnet. Auch hier lohnt es sich, auf die Steinmännchen zu achten, um am zerklüfteten nördlichen Ufer den See effizient zu umrunden. Dann geht es den Ausläufer vom Venjetind hinauf und links rum, bis man den Gletscher zwischen dem Venjetind und dem Kvanndalstind sieht. Auch darf man von hier endlich den noch zu begehenden Grat zum Kvanndalstinden-Gipfel bewundern. Dieser wird zuerst in Falllinie, dann rechtshaltend gequert (Spaltenzone oben, soweit beurteilbar, moderat) und eine akzeptable Stelle zum auf den Grat klettern gesucht. Diese befand sich bei uns etwas weiter rechts der von unten sichtbaren Abseilstelle. Die Randkluft war Ende Juli ganz einfach zu überwinden, soll aber schon mal Probleme bereiten.

Ein Schneefeld vor dem Gletscher. Oben etwa in der Senke der Übergang zum Grat, welcher nach rechts zum Gipfel zieht. Links über den Schnee auszuholen ist auch möglich, aber beschwerlicher

Tour 

Das Kraxeln vom Gletscher auf den Grat ist einfach, aber minimal schmierig. Oben erfreut man sich einer grandiosen Aussicht u.a. auf den spitzen Gipfel des Venjetind.  Trotz des wilden Aussehens präsentiert sich der Grat zuerst ganz entspannt und ist mit Steinmännchen markiert. Nach einer einfachen Stufe kommt man jedoch zur ersten 3er Stelle, aus zwei jeweils wenige Meter hohen Aufschwüngen bestehend. Hier hat man die Möglichkeit zu sichern (Blöcke, lange Schlingen mitnehmen) und oben befindet sich außerdem ein Abseilstand.

Nun wieder einfach weiter. Den Schwierigkeiten und mehreren Türmen wird südseitig ausgewichen (Absturzgelände, teils brüchig, sonst aber einfach). Torshammeren, ein prominenter, etwas schiefer Turm, wird am besten nordseitig umgangen. Er kann von der Ostseite/Gipfelseite her auch im 3. Grad erklettert werden, was bei entsprechender Zeitreserve durchaus empfehlenswert ist. Vor der Gipfelwand befindet sich ein bequemer Pausenplatz, wo auch Rucksäcke deponiert werden können. Ab hier sind es zwei (je nach gewählter Route auch mehr) Seillängen im 3. Grad bis zum Gipfel.

Abstieg 

Am Gipfel befindet sich ein Abseilstand. Von hier geht es steil bis überhängend ca. 35m auf ein Band auf dem man einige Meter nach rechts (in Talrichtung) zum nächsten Abseilstand quert. Von hier geht es etwa 50m? tiefer zum Rucksackdepot; auch ein Zwischenstand sollte möglich sein. Der weitere Weg wie im Aufstieg, mit ggf. zwei weiteren Abseilern, an der Steilstufe am Grat (knapp 30m) und vom Grat zum Gletscher (35-40m oder 30m und einfache letzte Meter abklettern). Zurück auf dem Aufstiegsweg und immer schön nach den Steinmännern schauen, die Pfadspuren sparen jede Menge Kraft.

Tipps

Karte gibt es unter ut.no, Berichte auf Norwegisch (Google übersetzt recht passabel) auf peakbook.org

Die Tour ist lang! Je nach Kondition sind 10-14h einzuplanen. Ein Abstieg im Dunkeln ist zu vermeiden, weil die nassen Platten 300hm über dem Parkplatz dann unübersichtlich und heikel werden.

Steigeisen und Pickel gehören zur Gletscherquerung dazu, auch wenn sie kurz ist. Die Sachen können nach der Randkluft gut deponiert werden.

Letzte Möglichkeit Wasser aufzufüllen ist etwas oberhalb des Olafskarvatnet, danach wird es trocken, auch am Gletscher.

Den Grat und die Querungen kann man seilfrei oder am laufenden Seil gehen, indem man es um Blöcke führt. Die 3er-Stufe wird meist gesichert.

Der Startparkplatz oben im Tal ist morgens lange im Schatten, lieber etwas tiefer, z.B. am nördlichen Seeende, übernachten.

Ist man sich unsicher ob der 3er-Kletterei am Gipfelaufbau (einfacher als erwartet!), nimmt man Kletterschuhe mit. Diese kleben am Granit regelrecht.

Viel Spaß!

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