Zeltgespenst

…ist unterwegs!

Wandern und reisen in Westnorwegen

Lange ist es her, seit ich „normal“ wandern war. Nicht im Winter, nicht am Ende der Welt und nicht ultralang/nonstop/was auch immer, sondern in einer Gegend, wo es sowohl Karten als auch Hütten gibt und wir uns zwischen Wegen und weglosen Abschnitten frei entscheiden können. Einen Haken hatte die Unternehmung dennoch: „Wir“ sind schwanger. Und der Untermieter, obwohl noch winzig (15. SSW-Woche), hat seine eigenen Vorstellungen vom Mamas Alltag.

Breheimen

Anders ausgedrückt, bin ich gerade alles andere als fit. Zwar tut die frische Luft gut, doch wie ich nun, kurz vor der Geburt, weiß, wird das versprochene „Aufblühen“ im zweiten Schwangerschaftsdrittel bei mir komplett ausfallen. Bei Ankunft im Jostedalen bin ich aber noch optimistisch und hoffe, dass wir viel unternehmen können.

Der beste Mann der Welt ist etwas vorsichtiger in seinen Plänen (vielleicht, weil er mich täglich in zig unterschiedlichen Zuständen sieht?), aber bereit auszuprobieren, was geht. Also packen wir unser Gepäck für mehrere Tage, wobei ich nur meine eigenen Sachen tragen darf, und steigen in Richtung der Sprongsdalshytta auf.

Der Plan ist einfach: Wir würden gern die Tverradalskyrkja besteigen, den mit 2089m den höchsten Gipfel in der direkten Umgebung. Dafür brauchen wir Hochtourenausrüstung und müssen nach 1-1,5 Tagen auf dem Wanderweg 12km Luftlinie pro Richtung weglos zurücklegen, mit jeweils zwei zu überschreitenden Bergketten dazwischen. Im Zweifel kommen wir aber jederzeit innerhalb eines halben Tages auf einen markierten Weg zurück. Als zusätzliches Backup kommt außerdem ein InReach mit – ein kleiner Satellitensender, der uns nicht nur eine Verbindung zur Außenwelt sicherstellt, sondern auch den Wetterbericht verraten kann.

Wie wird es wohl?

Am ersten Tag legen wir etwa 11 km und 800hm zurück und zelten schon früh am Nachmittag, als der Regen einsetzt. Auch die folgenden Tage werden nicht allzu lang, worüber ist froh bin – es ist erstaunlich mühsam, mich fortzubewegen. Besonders im weglosen Gelände, obwohl an sich nicht allzu schwer, komme ich kaum voran. Die Gegend ist zwar nicht besonders spektakulär, gibt uns aber das Gefühl, in der Wildnis zu sein – genau deswegen sind wir auch hier.

Als es am 3. Tag immer noch neblig-regnerisch ist und ich mich immer vorsichtiger einschätze, beschließen wir eine Abkürzung. Wir steigen (fast) zur Arentzbu ab und nehmen den Pfad durchs Martadalen.

Der letzte Morgen ist wunderschön – blauer Himmel, Blick über einen spiegelglatten See zum Jostedalsbreen. Fast mühelos geht es nach unten zur Straße nach Faberg, doch die Straßenserpentinen ziehen sich unendlich – diesmal bei bestem Sonnenschein. Unten haben wir aber Glück und kommen per Anhalter schnell zum Parkplatz und hoch zum Austdalsvatnet, über den wir am kommenden Tag paddeln wollen. Und während Sebastian noch den nächsten Berg hochrennt, setze ich mich in den Windschatten und falle genüsslich über die noch aus Deutschland mitgebrachte Wassermelone her… was will frau mehr?

Sonstiges Wandern und Reisen

Norwegen ist definitiv ein Wanderwonderland. Es gibt Wege und Ziele für jeden Geschmack und die Natur ist unglaublich facettenreich. Westnorwegen ist dabei nicht anders als spektakulär zu bezeichnen und unterscheidet sich in ihrem Charakter deutlich von moderateren Gegenden weiter östlich und nördlich.

Diese beeindruckenden Landschaften erkundet man am besten in einer Kombination aus Reisen und Wandern. Denn spannend ist nicht nur ein intensives Eintauchen in die Natur, wie es zu Fuß der Fall ist, sondern auch die Tatsache, dass man stundenlang aus einem gewaltigen Tal ins nächste fährt und immer wieder aufs Neue überrascht wird.

Die Tageswanderungen durfte ich in der Regel ohne Gepäck genießen. Trotzdem waren die Einschränkungen nicht zu übersehen – alles über 1000hm war anstrengend, steiles Gelände ebenfalls, immer wieder brauchte ich Pausen, etwas zu essen und besonders zu trinken, schwierigere Passagen nervten häufig… wir machten das Beste draus und kombinierten den Wander- mit einem Paddel-, Reise- und Entspannungsurlaub. Weitere Mehrtagestouren unternahmen wir nicht, mit Ausnahme einiger Tage in einem Klettergebiet, wobei ich mich bereits im Zustieg zu den Routen unwohl fühlte und wir es sein ließen und ins gemütliche Zelten am See umwandelten.

Insgesamt konnten wir es nicht besser treffen – in Westnorwegen sind die Möglichkeiten schier unendlich. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir diese schöne Region in den nächsten Jahren nicht nur einmal besuchen werden.

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